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Mängel man neuerdings wieder hingewieſen hat(vergl. Lehrpr. u. Lehrg. 84 S. 64 ff. und die Hebbelſche Kritik des Zriny, Sämtl. W. IX S. 48 f.). Auch gegen die Lektüre des Herzog Ernſt laſſen ſich Bedenken geltend machen. H. Schiller(Pädag. S. 326) empfiehlt ihn als„epiſches Drama“, das für die IIb, die Klaſſe, in der ſich der Uebergang von der epiſchen zur dramatiſchen Lektüre vollziehe, beſonders ge⸗ eignet ſei. Aber gerade, was hier als Vorzug geltend gemacht wird, der epiſche Charakter des Stückes, erſcheint uns als Nachteil. Gewiß, derartige Stücke haben häufig den Vorzug, daß ſie dem Schüler leichter ver⸗ ſtändlich ſind; aber wo es ſich um die Erreichung des oben gekennzeichneten Zieles handelt, wirken ſie eher verwirrend als fördernd.
Anders liegt die Sache bei Tell. Wenn hier auch durch die Ineinanderfügung von drei Hand⸗ lungen der Ueberblick über das Ganze erſchwert iſt, wenn man auch im einzelnen z. B. die Parricida⸗ ſzenen mit Recht getadelt hat, ſo verdient doch das Drama, wie kein anderes, ſeinen Platz im Kanon der IIb; denn es iſt voll dramatiſchen Lebens. Aber nur deshalb, weil es auch noch einer anderen unerläßlichen Vorbedingung entſpricht, verdient es, für die Mittelſtufe empfohlen zu werden.
Wenn es gilt, über die Verwendbarkeit eines Dramas im Schulunterrichte zu urteilen, hat man ja nicht nur deſſen Form in Betracht zu ziehen, nicht nur äſthetiſche Geſichtspunkte walten zu laſſen; es kommt auch auf den Stoff an. Nur wenn er das Intereſſe des Schülers wachzurufen vermag, kann der Unterricht den gewünſchten Erfolg haben. Dieſer Erfolg wird dann aber nicht nur in der Ent⸗ wickelung des Gefühls für das Schöne beſtehen, ſondern er wird auch ethiſcher Art ſein können, in⸗ ſofern die Lektüre geeigneter Dramen die Phantaſie mit ſittlich bedeutenden Geſtalten erfüllt. Im Hin⸗ blicke darauf hat man als für die Mittelſtufe beſonders geeignet Stoffe aus der deutſchen Geſchichte*) empfohlen; und mit Recht, weil, wie Treitſchke gelegentlich ſagt,„der Dichter durch die Empfindungen ſeines heimiſchen Bodens am ſicherſten und tiefſten erſchüttern wird“.
Solche Erwägungen mögen wohl den Blick auf Heyſes Kolberg gelenkt haben, das in letzterer Zeit mehr und mehr als Lektüre der Mittelſtufe hervortritt. Der preußiſche Lehrplan empfiehlt es (für III a); Wendt, Dt. Unterr.2(ſiehe Baum. Handb. III 7) S. 39 tritt entſchieden für die Lektüre dieſes Werkes ein. Ein ähnliches Urteil finden wir Lehrpr. 84(1905) S. 73, auch Verh. Dir. Verſ.
60, S. 18, Pappritz, Ztſchr. f. dt. Unt. XVI(1902) S. 636. Für die wachſende Beliebtheit dieſes Schauſpiels ſcheint auch der Umſtand zu ſprechen, daß in den letzten Jahren kurz hintereinander drei Kommentare zu ihm erſchienen ſind**). Unter dieſen Umſtänden iſt es wohl am Platze, der Frage etwas näher zu treten:
Mit welchem Rechte wird Kolberg zur Klaſſenlektüre empfohlen?
Verſchiedene Arteile über Heyſes Kolberg.
Für Kolberg läßt ſich manches geltend machen. Einer unſerer bedeutendſten modernen Dichter hat hier, von warmer Vaterlandsliebe durchdrungen, einen ruhmvollen Abſchnitt der deutſchen Geſchichte dargeſtellt. Geſtalten wie Nettelbeck und Gneiſenau ſind meiſterhaft gezeichnet und wohl geeignet, das Intereſſe der Schüler wachzurufen Nicht wenig trägt hierzu auch die friſche, ſtellenweiſe humor⸗ volle Sprache bei. Doch ſolche Vorzüge ſind für den Wert eines Dramas noch nicht ausſchlaggebend. Das Stuück hat eine Schwäche, die der Dichter ſelbſt wohl erkannt hat. Er ſagt(Jugenderinnerungen
*) Verh. Dir. Verſ. 51 S. 241.
*) 1) Königs Erl. zu den Klaſſ. Bd. 74(von P. Sommer); 2) Sammlung von Kuenen u. Evers Bd. 24, Heyſes Kolberg von Dr. P. Gereke, Leipzig 1903; 3) Lyons Deutſche Dichter des 19. Jahrh. Bd. 15, P. Heyſes Kolberg von Prof. Dr. Gloël, Teubner 1905.


