Der Lehrplan für die heſſiſchen Gymnaſien ſchreibt vor:„An dem Leſeſtoffe wird in induktiver Weiſe in Klaſſe II das Weſen der Hauptdichtungsarten... entwickelt.“ Da nun in Ila„eine Ein⸗ führung in das Mittelhochdeutſche an der Lektüre der Nibelungen und Walthers von der Vogelweide“ zu erfolgen hat und außerdem in dieſer Klaſſe meiſt noch Hermann und Dorothea geleſen wird, ſo verbleibt die Einführung in das Weſen des Dramas mit der entſprechenden Lektüre(zwei bis drei Dramen) der IIb.
Gemäß dem Charakter der Mittelſtufe wird ſich die äſthetiſche Betrachtung natürlich elementar zu geſtalten haben. Sie erſtreckt ſich auf die zwei Elemente des Dramas: Handlung und Charaktere. Was die erſtere anbetrifft, ſo kann man ſich, wie dies der preußiſche Lehrplan für IIIa und IIb vor⸗ ſchreibt, darauf beſchränken,„auf die erſten Grundbegriffe der dramatiſchen Kompoſition nur vorbereitend hinzuweiſen“*). Bezüglich der Charaktere hat Paul Heyſe ſelbſt einmal geſagt(Deutſche Rundſchau Bd. 101. Okt. bis Dez. 1899, S. 103), es ſei die Aufgabe des Dramatikers,„äußere Umſtände zum Hebel innerer Vorgänge zu geſtalten“.
Bei Beſprechung der Charaktere kommt es darauf an, dieſe„inneren Vorgänge“**), die ſich in der Seele des Helden im Verlaufe des Dramas abſpielen,„die wahre Handlung“, wie Hebbel ſagt, nachzuweiſen. Dieſe inneren Vorgänge ſtehen im allerengſten Zuſammenhang mit der„äußeren Handlung“, inſofern dieſe nur zur Veranſchaulichung jener dient. Wo eine ſolche Verdeutlichung„derjenigen ſtarken Seelenbewegungen, welche ſich bis zum Willen und Tun verhärten, und derjenigen Seelenbewegungen, welche durch ein Tun aufgeregt werden“*), ſtattfindet, da haben wir das, was wir dramatiſch nennen. Losgelöſt von dieſem Zuſammenhang mit der„inneren Handlung“ iſt die Aktion an ſich undramatiſch. Ihre Darſtellung würde Aufgabe des Epos ſein. Wer ſich alſo bei der Behandlung eines Dramas auf die Betrachtung der äußeren Vorgänge beſchränkt, führt ſeine Schüler jedenfalls nicht in das Weſen des Dramas ein.
Mag man nun aber auch der Anſicht ſein, man habe in IIb ſich damit zu begnügen, daß der Schüler die dem Drama eigene Wirkung an ſich erfahre, und die äſthetiſche, das Weſen des Dramas entwickelnde Behandlung lieber der Prima vorbehalten: daran ſollte man auch bei dieſem Standpunkt feſthalten, daß gerade auf der Stufe, auf der dem Schüler zum erſtenmale das Drama entgegentritt, nur ſolche Dramen geleſen werden dürfen, die dieſen Namen verdienen, d. h. echte Dramen ſind***). Daß es keineswegs überflüſſig iſt, dies zu betonen, beweiſt u. a. ein Blick in die preußiſchen Lehrpläne, in denen immer noch Zriny zur Lektüre empfohlen wird, eine Dichtung von recht geringem Wert, auf deren
*) Vgl. R. Lehmann, Der deutſche Unterricht, 2. Aufl. S. 19. **) G. Freytag, Technik des Dramas(7. Aufl.) S. 18. ***) Man wird dann in Prima bei der Entwicklung des dramatiſchen Aufbaus auf ſie zurückgreifen können. Ja, es wird nötig ſein, dies zu tun, um völlige Klarheit zu erzielen. Natürlich werden— etwa in Oberprima— auch undramatiſche, aber im übrigen hochbedeutende Werke wie Goethes Götz ihren Platz finden. .. 1*


