Aufsatz 
Fauna der näheren Umgebung von Bingen : von 1866-1873 von Reallehrer [Johann Baptist Mathias] Mühr dargestellt, 1879 von dem bish. Director Prof. Dr. Glaser fortgesetzt : (Schluß) / Glaser
Entstehung
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Jeder Kenner des dreißig⸗ und des ſiebenjährigen Krieges weiß, wie viel die tapferen Heſſen⸗Kaſſelſchen Truppen in dieſen Kriegen zur Entſcheidung beigetragen haben.

In demſelben Verhältniſſe wie im letzteren Kriege ſtanden ſie im Nordamerikaniſchen Kampfe wieder zu England und hätten auch hier die Sache raſch entſchieden, wenn man ſie nicht in ihrer Siegeslaufbahn gehemmt hätte.

Dabei weiſe ich darauf hin, wie es dem Geſchichtslehrer nicht geziemt, einſeitig dargeſtellte Erzählungen oder geradezu Märchen wie die von demVerkaufe heſſiſcher Truppen durch ihre Fürſten ohne Prüfung nachzuerzählen.

Ich erinnere hier zugleich daran, daß die Landgrafſchaft Heſſen das eigentliche Heimat⸗ und Stammland der allgemeinen Wehrpflicht iſt.

Der große Freiherr von Stein ſtammt aus Nieder⸗Katzenelnbogen.

Nicht ſo einfach geſtaltet ſich die Behandlung der Spezialgeſchichte in den ſpäter erworbe⸗ nen Territorien eines Landes, für uns alſo, außer in den früher reichsunmittelbaren, den jetzigen Standes⸗Herrſchaften und dem ritterſchaftlichen Gebiete, im früher pfälziſchen, kurmainziſchen und im reichsſtädtiſchen Gebiet.

Aber aus all dem bisher Angeführten ergibt ſich mit Nothwendigkeit ebenfalls eine gewiſſe Berückſichtigung der lokal⸗geſchichtlichen Verhältniſſe. Hier liegt nun dem Lehrer die nicht leichte Aufgabe ob, aus der Fülle des Stoffes der Vergangenheit das Richtige und Paſſende auszu⸗ wählen, und es wird je nach der früheren Territorial⸗Zugehörigkeit der Mainzer Lehrer auf die Herrlichkeit und Größe der Moguntia aurea, der im früher pfälziſchen Gebiete unterrichtende Lehrer etwa bei dem pfälziſchen Kriege, dem ſchmählichſten, den je ein Eroberer begann, auf die Bedeutung und die Verhältniſſe der Kurpfalz eingehen, oder dieſer etwa auch gelegentlich der Beſprechung der Kaiſerwahl und der Reichsverfaſſung dem alten Kurſtaate eine etwas ein⸗ gehendere Würdigung zu Theil werden laſſen.

Im früher kurmainziſchen Gebiete, beſonders in Mainz ſelbſt, findet ſich häufig wieder Gelegenheit, örtliche und allgemeine deutſche Beziehungen herzuſtellen.

Den Lehrern in den alten Reichsſtädten bietet ſich bei der Reformationsgeſchichte oder bei Beleuchtung der kulturgeſchichtlichen Verhältniſſe des Mittelalters reichlich Gelegenheit, aus dem Bilde der Stadt der Neuzeit vor dem geiſtigen Auge der Schüler die alte Reichsſtadt mit ihrem Kunſtſinn, ihrem Bürgermuth und ihrer Opferfreudigkeit wieder erſtehen zu laſſen und von da aus erſt zu Städten wie Nürnberg, Augsburg, Frankfurt mit ihren großen hiſtoriſchen Erinnerungen weiter zu ſchreiten.

Im Erbachiſchen Gebiete laſſen ſich vor allem Beziehungen zur karolingiſchen und zur Re⸗ formationszeit anknüpfen.

Ich möchte hier endlich auf das grade in Heſſen ſtark vertretene Gebiet uralter Sage hinweiſen, ſodaß in der entfernteſten Zeit der deutſchen Geſchichte und auch in der Literatur⸗ geſchichte ſich hier leicht örtliche Beziehungen herſtellen laſſen.*)

Und hieran wieder ſchließt ſich die pietätsvolle Erinnerung an die zum Theil aus alten Kultusſtätten entwickelten Sitze früheſter Kultur, deren die beiden Heſſen eine ſtattliche Reihe aufzuweiſen haben, Fulda, Fritzlar, Lorſch, Seligenſtadt, wie an die alten Königsſitze Ingel⸗ heim, Trebur, Gelnhauſen, Alzey. 3

Aber außer den methodiſchen und pädagogiſchen ſprechen auch ethiſche Gründe dafür, der Geſchichte der Heimath einige Aufmerkſamkeit in der Schule duzuwenden.

Wie das Kind in die Schule vorerſt die ihm gemüthlich näher ſtehenden Laute des Hauſes, gleichſam das bequeme Alltagsgewand der Sprache mitbringt, und wie längſt alle einſichtsvollen Sprachkenner darin einig ſind, daß es ein Zeichen von hartem Gemüth und von Unverſtand wäre(und früher wirklich war), dieſe heimiſchen Laute zu verſpotten, während umgekehrt hoch⸗

*) Hier erlaube ich mir auf zwei neue, eff für die Schülerbibliotheken und als Prämien geeignete Werke von zwei Landsleuten hinzuweiſen: Nordiſch⸗Germaniſche Götter⸗ und Reldenſagen für Schule und Volk von Dr. J. Nover(in Mainz) und Deutſche Heldenſagen für Schule und Volk von Dr. W. Wägner(in Kettenheim), 18814(M. 1.60). Beide Werke enthalten nicht nur für den Unterricht in der Geſchichte, ſondern auch den in der Literatur einen willkommenen Wegweiſer zu dem Sagen und Dichtungen meiſt zu Grunde liegenden mythiſchen und uralten Grundſtoff. Man vergl. auch das ältere und größere Werk von Dr. Wägner: Unſere Vorzeit.(Alle bei Spamer, Leipzig, erſchienen.)

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