Aufsatz 
Fauna der näheren Umgebung von Bingen. Von 1866 bis 1873 von Reallehrer [Johann Baptist Mathias] Mühr dargestellt, 1879 von dem bisherigen Direktor Prof. Dr. Ludwig Glaser fortgesetzt : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

exemplar, leider an einem durch den Unterkiefer gezogenen Faden aufgehängt, in's Haus gebracht wurde. Um Worms kann man ſie an Hecken und Dämmen bei jedem Spaziergang im Gras laufen ſehen. Dr. Noll macht auf deren Einwanderung von Süden her längs der Flußthäler aufmerkſam, während ſie auffallender Weiſe in den Centralgebieten Deutſchlands fehle. Dies gilt wenigſtens ſicher bei uns von Oberheſſen. An der Nahe iſt ſie von Creuznach bis Bingerbrück nach Geiſen⸗ heyner(Gymnaſiallehrer in Creuznach) auf den Bergen nicht ſelten. Ich fand ein Exemplar auf einer Schneuſe des Scharlachkopfs zertreten. Die Mauereidechſe(Lacerta murdis Marr.) findet ſich nach Dr. Noll im Rheinthal und ebenſo in den weſtlichen Nebenthälern häufig, was ich von der Gegend von Bingen beſtätigen kann, wo ſie mir indeſſen in vier Jahren nur einigemal vor⸗ kam, während ſie bei Worms an den Wingertsmauern und ſteilen Erdwänden höchſt gemein iſt und mir ſ. Z. auch an der Bergſtraße bei Heppenheim in Menge zu Geſicht kam.

Die in andern Gegenden ungewöhnliche glatte Natter oder Jachſchlange(Coluber s. Coronella laevis) iſt um die Steinbrüche der Binger Waldberge nach Rheinſtein hin ſehr gewöhn⸗ lich und wird in jungen, kleinen, wie in erwachſenen Exemplaren oft auf dem Banquet der Rhein⸗ ſteiner Chauſſee die Berge entlang angetroffen, oder von den Knaben in Käſtchen oder Botaniſirbüch⸗ ſen vorgezeigt. Die große ſchwarze Scheitelzeichnung oderKrone(daher Coronella!) macht ſie leicht kenntlich, während ſie die dunkeln Seitendüpfel mit der Ringelnatter gemein hat.

Die von L. Geiſenheyner imZoologiſchen Garten(B. XV) in der Nahe bei Creuznach ver⸗ meldete ſ. g. Würfelnatter(Tropidonotus tessellatus Laur.) ſoll, wie Dr. Noll berichtet, nach des verſtorbenen Botanikers Wirtgen in Coblenz Ausſagen in den Krippen oder abgeſperrten Strom⸗Tümpeln unterhalb Boppard im Waſſer ſchwimmend oder in daſſelbe flüchtend betroffen wor⸗ den ſein. In der Nahe wurde ſie nach Dr. Noll von fiſchenden und krebſenden Jungen unter den Steinen hervorgezogen und anfangs für Aale gehalten, und bei Geiſenheyner in Creuznach ſah er eine Anzahl von verſchiedener Größe allmählig aus der Nahe angeſammelte in Weingeiſt. Von den Ger⸗ bereien an der Nahe bei Bingen wurden mir, ebenſo wie von den weiter unterhalb des Mäuſethurms am Rheine gelegenen abgetrennten Strom⸗Tümpeln, aufmerkſamen Selbſtbeobachtens und der Aufträge an Schüler ungeachtet, bisher noch keine Wahrnehmungen von ſolchen zu Theil. Abgeſperrte Tümpel ſind aber nach Geiſenheyner ihr Lieblingsaufenthalt, am Waſſer gelegene Ger⸗ bereien mit ihren alten Lohſchichten ihre Hauptbrutſtätte und der Fundort ihrer Eier, und es iſt darum bei der nachgewieſenen Verbreitung derſelben weiter rheinabwärts bis St. Goar und Bop⸗ pard nicht unwahrſcheinlich, daß auch hier noch ſolche aufgefunden werden.

Auch von der ſchwarzgrünen Natter(Coluber atrovirens), von der Leunis das häufige Vorkommen am Rhein meldet, ſowie von der gelben(Col. flavescens Gm. oder Aescu- lapii Wagl.), in den Abzugsgräben der Taunusbäder von Schlangenbad und Ems gewöhnlich, nach v. Heyden vor Alters durch die Römer hingebracht, nach Dr. Noll aber wahrſcheinlicher in die Fluß⸗ thäler des Rheins, der Moſel und Nahe aus dem Süden nebſt Tropidonotus tessellatus vor Zei⸗ ten nur eingewandert, können vorerſt von Bingen keine Wahrnehmungen gemeldet werden. Von Auffindungen der giftigen Kreuzotter oder Viper(Pelias berus L.), welche nach Herrn Mühr z. B. im Morgenbachthal ſ. Z. von K. Wagner geſehen und gefangen worden ſein ſoll, kann ich bis irdt noch keine eigene Wahrnehmung vermelden. Ich möchte ihr Vorkommen um Bingen eher

ezweifeln.

Auch habe ich vergebens nach einigen ſonſt in der Mittelrheingegend hie und da vorhandenen Kröten gefahndet, ſo nach dem ſ. g. Feßler oder der Geburtshelferin(Alytes obstetri- cans Wagl.), von welcher das Männchen die vom Weibchen gelegten Eierſchnüre ſich um die Hinter⸗ beine wickelt, um ſie ſpäter zur Verwandlung in Waſſerpfützen abzuſetzen(nach Dr. Koch in Weil⸗ burgdurch den ganzen Mittelrhein zur rechten und zur linken Seite vorkommend), ferner nach der z. B. bei Darmſtadt in Waldpfützen vorhandenen Knoblauchskröte(Pelobates fuscus Laur.), auchTeichunke oderhüpfende Waſſerkröte genannt, zuletzt nach der um Worms ganz gewöhn⸗ lichen ſammetgrünfleckigen(Bufo variabilis Gm. s. viridis Laur.). Die Knoblauchskröte (Pelobates fuscus) gibt Herr Mühr als in den Sümpfenam Grün bei der Nahemündung vor⸗ handen an, was vielleicht jetzt nicht mehr zutrifft, wogegen ich noch die auch von Herrn Mühr erwähnte Feuerkröte(Bombinator igneus) unfern von dort in ſchlammigen Waldrand⸗Pfützen vorfand.

Die von Herrn Mühr angeführte Schlammſchmerle(Cobitis fossilis), der ſ. g. Schlamm⸗ beißer oderWetterfiſch, wurde mir aus einem ausgeräumten, ſchlammigen Graben von Bingerbrück in vielen lebenden Exemplaren vorgezeigt.