IV. Wiſſenſchraftlichie Geiqa be.
Fauna der näheren Umgebung von Bingen.
Von 1866 bis 1873 von Reallehrer Mühr dargeſtellt, 1879 von dem bisherigen Director Prof. Dr. Glafer fortgeſetzt.
—, *7
Damit die in dem Programm von 1866 von dem damaligen Lehrer der Realſchule, Herrn J. B. Mühr(jetzt Seminardirector in Bensheim), begonnene und bis zum Programm von 1873 fortgeführte Fauna von Bingen einem endlichen Abſchluß entgegengeführt werden kann, wollen die ferneren Bearbeiter dieſes Gegenſtandes von jetzt an mehr eklektiſch verfahren und ſich unter mehr genereller Zuſammenfaſſung der vorkommenden niederen Thiere nur über das beſonders Intereſſtrende ausführlicher verbreiten, da ein ganz vollſtändiges Verzeichnis der Kleinthiere liefern zu wollen, ver⸗ gebliche Mühe und der hier gebotene Raum dazu viel zu beſchränkt ſein würde. Sie werden alſo nicht umhin können, die für thierkundige Naturliebhaber durch Seltenheit oder Ungewöhnlichkeit, Schaden oder Nutzen, durch merkwürdige Lebensart, durch bei uns nicht vermuthetes Auftreten u. ſ. f. bemerkenswertheſten Gegenſtände zur Sprache zu bringen. Das überall vorhandene und Jedermann bekannte Geziefer und Gewürme im Waſſer und im Freien können ſie dagegen um der Kürze und Raumerſparnis willen übergehen und den Leſer als ſelbſtverſtändlich vorhanden vorausſetzen laſſen. Dagegen wird Manches zur Erörterung kommen, das andern Gegenden des weſtlichen Mitteldeutſch⸗ lands nicht eigenthümlich oder bis jetzt darin nicht einheimiſch war, wenn es auch vielleicht bald mehr zur Verbreitung kommen mag.
Ehe wir zur Fortſetzung der bis zur Gattung Lucanus incl. vorgeführten Käfer ſchreiten, wollen wir unter Bezugnahme auf eine Monographie von Dr. F. C. Noll(dem Herausgeber des in Frankfurt erſcheinenden„zoologiſchen Gartens“), betitelt„einige dem Rheinthale von Bingen bis Coblenz eigenthümliche Pflanzen und Thiere mit Rückſicht auf ihre Verbreitung und die Art ihrer Einwanderung“*), einige Punkte nachholen, die bisher nicht genügend betont und hervorgehoben, oder theilweiſe nicht erwähnt waren.
Zunächſt iſt zu bemerken, daß die Steindroſſel(Turdus s. Petrocichla saxatilis L.) nicht mehr, wie vor 12—15 Jahren, unmittelbar um Bingen und Bingerbrück niſtet, ſondern nur im Spätjahr von den Rheinfelſen um Lorch herauf bis an die Steinbrüche oberhalb Rheinſtein vor⸗ übergeſtrichen kommt und dann daſelbſt auf Telegraphendrähten ſitzend, oder auch auf dem Boden hüpfend und Nahrung ſuchend zu gewahren iſt. Bei Dr. Noll heißt es:„Von Frankreich iſt die Steindroſſel der Moſel nach an den Rhein gekommen, denn in den Thälern beider Flüſſe findet ſie ihre ſonnigen Felſen und Beeren und Inſekten in Fülle, und darum iſt ſie auch bis nach Andernach hin rheinabwärts regelmäßiger Brutvogel, am Rhein als„einſamer Spatz“ bekannt.“ Herr Mühr gibt intereſſante Mittheilungen über deſſen früheres Vorkommen an der Ruine Villa Landy, Rochus⸗ kapelle u. ſ. f.(ſ. Programm von 1866).
Das Blaukehlchen(Sylvia suecica) dürfte, wie auch um Worms, nur im Spätherbſt und erſten Frühling auch an Nahe und Rhein nur als Strichvogel zuweilen, beſonders in Weiden⸗ und Röhricht⸗Geſtrüppen an den Flüſſen, vorkommen.
Die grüne Eidechſe(Lacerta viridis) gibt Herr Mühr als auf der ſüdlichen Abdachung des Münſterer Kopf vorkommend an, von wo mir auch vor einem Jahr ein großes, lebendes Pracht⸗
*) Siehe Separatabdruck aus dem Jahresbericht des Vereins für Geographie und Statiſtik, Frankfurt a/M. 1878.


