Aufsatz 
Naturgeschichtliche Beschreibung der Wormser Rheinebene / von L. Glaser
Entstehung
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II. Beigabe.

Worte zur Einweihung des neuen Prüfungs-Saales, geſprochen 6 21. P 18641

bei Sraſnng der öffentlichen Prüfung des hieſigen Gymnaſiums und der damit verbundenen Real⸗Schule.

Von Dr. Wilhelm Wiegand, Director.

Im Jahre 1829 wollte es das Schickſal, daß ich, einige Wochen vorher zum erſten Lehrer des Wormſer Gymnaſiums ernannt, die erſte öffentliche Prüfung desſelben mitfeiern half. In einem Gymnaſium erzogen, in welchem die freundlichſten Lehrzimmer und namentlich ein zu einer pompöſen öffentlichen Prüfung wohl eingerichteter Saal auf die Jugend den erheiterndſten Eindruck machte, kam es mir Anfangs ſehr befremdend vor, daß hier die öffentliche Prüfung ſowohl der Stadtſchulen als auch unſerer Lehranſtalt, welche damals noch den Namen eines Gymnaſiums zweiten Ranges führte, in dem Saale des hieſigen Stadthauſes(Bürgerhofes) abgehalten wurde. Zwar nahm ich nach längerem Aufenthalte wahr, daß hier, auf dem Boden der Inſtitution der freien Oeffentlichkeit, dieſe Abhaltung aller localen Schulprüfungen auf demBuͤrgerhofe weit entfernt war, auffällig zu ſein, daß ſie vielmehr als eine ſelbſtverſtändliche Anbequemung und Huldigung an und für den öffentlichen Geiſt. jener bürgerlichen Inſtitutionen angeſehen wurde. Mit der allmählichen Vermehrung der Klaſſen und der Schülerzahl unſerer Anſtalt ſtellte ſich aber bei dieſer, dem allgemeinen Begriffe von Oeffentlichkeit auch von der Schule gebrachten Huldigung eine immer größere pädagogiſche Unzu⸗ kömmlichkeit heraus. Denn eine gute Schule gleicht einer Familie. Je beſſer aber eine Familie iſt, je mehr ſie den Charakter der unſchuldigen Kindheit bewahrt: deſto ungezwungener bewegt ſie ſich in ihrem eigenen Kreiſe, deſto leichter und beſſer iſt ſie in ihrer eigenen Behauſung nach allen Seiten zu erkennen und zu beurtheilen. Glücklich die Schule, ſelbſt ein Gymnaſium, in welchem Lehrer und Schüler das ſchöne Bild einer Familie darſtellen, glücklich die Schüler, wenn ſie in gewiſſem Sinne noch die unſchuldige Kindheit bewahren, im Sinne des Stifters unſerer Religion, der auch Er⸗ wachſenen nur das Himmelreich unter der Bedingung verſpricht, daß ſie die Güte und Unſchuld des Kindes bewahren, im Sinne Peſtalozzi's, welcher ein Kind bleiben wollte ſein Leben lang bis in das Grab, und welcher durch die lebenslängliche Befolgung und Ausübung dieſes Grundſatzes der Apoſtel der deutſchen Schuljugend geworden iſt. Eine ſolche Schuljugend wird ſich alſo, namentlich bei einer öffentlichen Prüfung, nur im Locale der Schule am leichteſten