14
keineswegs die Quelle materieller Genußſucht und egoiſtiſcher Geſinnung; dieſe wuchern in ganz andern Kreiſen.
Neben der Verhütung jenes verderblichen Einfluſſes oberflächlicher und falſcher Theorien kann aber aus dem naturwiſſenſchaftlichen Unterrichte noch eine mächtige poſitive Kraft zur Förderung von Religion und Sittlichkeit gewonnen werden. Wir haben oben geſehen, wie die lautere Schönheit der Natur, welche auch im Kleinſten und Verborgenſten waltet, die Harmonie,„von der jedes Einzelne ein Ton iſt, die man auch im Großen und Ganzen ſtudiren muß“(Göthe), durch den naturwiſſenſchaftlichen Unterricht auf die Bildung des Gefühls den bedeutendſten Einfluß gewinnen kann, während Unbekanntſchaft mit den Geſetzen der Natur außer der herrſchenden Gleichgültigkeit wohl gar noch die Gefühle der Furcht und des Wider⸗ willens zur Folge hat. Die Spuren der ewigen Weisheit und Güte, welchen wir hier auf jedem Schritte begegnen, erfüllen das Herz mit Liebe zum Schöpfer und den Geiſt mit Bewunderung ſeiner Allmacht und Größe. Und indem der Menſch ſich als das einzige Weſen auf Erden wahrnimmt, welches durch den ihm inwohnenden göttlichen Funken der Vernunft zur Einſicht in die Wunder und Herrlichkeiten des Allmächtigen berufen iſt, deſſen Werke ſich in einer Unendlichkeit von Raum und Zeit entfalten, befeſtigt ſich der Glaube an die ewige Fortdauer des zu dieſer Erkenntniß befähigten menſchlichen Geiſtes. Der Einblick in die Ge— ſetze, durch welche Gott das Beſtehen dieſer unendlich mannigfaltigen Schöpfung feſt gegründet hat, die Wahrnehmung, daß nichts beſtehen kann, was dieſen Geſetzen nicht gemäß iſt, kräftigt auch die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der unbedingten Herrſchaft des Sittengeſetzes für das Beſtehen der moraliſchen Weltordnung und prägt dem Geiſte tief den Sinn für eine weiſe und feſte Geſetzmäßigkeit in allen den Dingen ein, welche der menſchlichen Willkühr unterworfen ſind. Wie ferner in der Natur Alles ſich am Andern begrenzt und beſchränkt und das Einzelne ſein Gedeihen nur in der Hingabe an das Allgemeine findet, ſo überzeugt dies auch den Menſchen, daß ſeine egoiſtiſchen Zwecke nicht auf die Dauer geſichert bleiben können, ſondern ihre verderblichen Folgen zuletzt auf ihn ſelbſt zurückfallen müſſen. Weit entfernt alſo, daß die Na⸗ turwiſſenſchaften die Strenge des Sittengeſetzes lockern und die Selbſtſucht fördern, vermögen ſie vielmehr die Ueberzeugung zu befeſtigen, daß man ſich dem erſteren nicht ungeſtraft entziehen kann, und daß dieſe zuletzt ſich ſelbſt ihr Grab gräbt. Endlich lehrt auch die Erkenntniß, daß in der Natur nichts auf die Dauer beſtehen kann, was nicht ſeinem Weſen gemäß wirkt und lebt, Einfachheit und Natürlichkeit dem verkünſtelten Streben nach eitlem, vergänglichem Scheine vorzuziehen. Aber zu dieſen tiefern Einſichten, zu dieſem mora⸗ liſchen Gewinne aus der Naturerkenntniß gelangt man nicht durch eine oberflächliche Betrachtung der Natur. Wer mit ungeweihten Blicken, auf unreife, vorgefaßte Anſichten geſtützt die wechſelnden Erſcheinungen in der Natur, das Leben und Treiben in derſelben beobachtet, kann ſich dadurch ſogar in Gefahr bringen, die Keime des Böſen in ſich zu nähren. Er gewahrt nur Kampf und Zerſtörung feindlicher Mächte, das blinde Walten des Rechts des Stärkeren; ihm erſcheint die göttliche Weltregierung überflüſſig, da er die ordnende und ſegnende Hand Gottes nicht unmittelbar eingreifen ſieht; während das Auge des Eingeweihten in dem Kampfe nur die Ausgleichung von Gegenſätzen zum Hervorbringen neuer Schöpfungen wahrnimmt und das geringe, vielleicht nur unſerer menſchlichen Empfindung als ſolches erſcheinende Wehe, als vom Einzelnen dem Wohle des Ganzen zum Opfer gebracht und zur Herſtellung des Gleichgewichts nach weiſen Geſetzen nothwendig erkennt. Der gegenwärtige Charakter der Naturforſchung, die Strenge, welche ſie gegen ſich ſelbſt ausübt, indem ſie durch ihre exakte Methode ſich vor leichtfertigen Schlüſſen zu bewahren ſucht, ihr auf die Erkenntniß des Zuſammenhangs des Ganzen gerichtetes Streben macht ſie mehr als in irgend einer früheren Zeit zu einer Schule für die Entwicklung der Vernunft wie des Willens.


