13
Der Begriff der Zweckmäßigkeit in der Natur hat die Naturforſcher in der Regel glücklich geleitet und zu den ſchönſten Entdeckungen geführt. Aber nicht immer war es der Genius eines Cuvier, welcher von dieſer Idee geleitet wurde, und manche übel gelungene teleologiſche Deutung rechtfertigt das Mißtrauen in unſere Berechtigung in der Natur dem Einzelnen ſeine Beſtimmung vorſchreiben zu wollen, da wir doch noch kaum eine Ahnung vom Plane des Ganzen haben können. Dieſe weiſe Selbſtbeſchränkung der heutigen Naturforſchung begründet noch kein Mißtrauen gegen die Ziele, welche ſich dieſelbe ſetzt. Noch immer ſieht es der ächte Naturforſcher als den glücklichſten Abſchluß einer Unterſuchung und als ſeinen ſchönſten Lohn an, wenn er die Zweckmäßigkeit eines Naturgeſetzes oder einer organiſchen Einrichtung zu erkennen vermag. „Je mehr das leibliche Auge findet, je mehr der ordnende Verſtand gliedert, deſto mehr wird das Auge des Geiſtes erfüllt von dem göttlichen Lichte und aus der Schule der Teleologie ſind die eifrigſten Beobachter hervorgegangen,“ ſagt mit Recht ein neuerer Philoſoph. Die Idee des Entwicklungsplanes, welche Geoffroy St. Hilaire und Göthe in die Naturforſchung eingeführt haben, hat die Teleologie nicht aus derſelben ver⸗ bannt; und das Gebahren jenes Bruchtheils von Naturforſchern, welcher alle Erklärungen aus dieſem Ge⸗ ſichtspunkte verwirft, iſt faſt komiſcher, als manche unglückliche, von ihm verſpottete teleologiſche Deutung, indem er ſich genöthigt ſieht auf jedem Schritte die höchſte Weisheit in der Natur anzuerkennen, aber den⸗ noch ſtets die Miene annimmt, als ob er gar keine beſtimmten Zwecke in derſelben gewahre. Dieſe gewiß nur ephemere Verirrung berechtigt ebenfalls noch nicht dazu das Streben der heutigen Naturforſchung im Allgemeinen anzuklagen, die im Großen und Ganzen immer mehr die ſchönen Worte Whewell's bewährt hat: „Jene(teleologiſchen) Betrachtungen erſcheinen uns als der Schlußfall einer Muſik, deren Tönen wir ſchon lange gelauſcht und die ohne dieſen Fall unſer Ohr leer und ungeſättigt laſſen würde.... Dieſe Töne gehören der Hymne zum Preis des Schöpfers, jener erhabenen Hymne, die ſchon Galen begonnen, in die ſeitdem die größten Naturforſcher aller Zeiten eingeſtimmt haben und die dereinſt, ein ewiger Geſang, alle Hallen des Tempels der Wiſſenſchaft durchdringen wird.“
Eine ähnliche Bewandtniß hat es mit dem wiſſenſchaftlichen Materialismus, den man den Naturforſchern der Gegenwart zum Vorwurfe macht. Die heutige Naturforſchung beſchränkt ſich weislich auf das ihr eigen⸗ thümliche ſcharf begrenzte Gebiet der materiellen Welt. In dieſem Gebiete erkennt ſie keine von der Materie getrennten Kräfte an und befindet ſich dabei in ihrem Rechte. Der beſonnene Forſcher, wenn er auch in dieſem Gebiete und mit ſeinen Mitteln eine beſondere Subſtanz der geiſtigen Kräfte aufzufinden nicht ver⸗ mochte, hat deshalb doch niemals die Subſtanzialität des Geiſtes geläugnet; er erkennt eben damit die na⸗ turgemäßen Schranken ſeiner Forſchung an. Mit der Naturforſchung hängt daher der moderne wiſſenſchaft⸗ liche Materialismus nicht nothwendig zuſammen, wenn auch einzelne Naturforſcher(mit Einzelnen aus allen Ständen) zu ſeinen Vertretern zählen, er zieht ſeine Nahrung aus ungeſunden ſocialen Zuſtänden und iſt zu andern Zeiten in gröberer Form und allgemeiner verbreitet geweſen und zwar gerade in Zeiten, wo man an unſern Schulen ausſchließlich den Naturwiſſenſchaften entgegengeſetzte Bildungselemente pflegte. Mit dieſen wird man ihn daher nicht bekämpfen können, wohl aber mit einem gründlichern Unterrichte in den Naturwiſſenſchaften.„Die Natur oberflächlich gekannt,“ ſagt Baco,„leitet von Gott ab, tiefer erforſcht führt ſie aber zu ihm hin.“ Oberflächliche Kenntniſſe von der Natur erwirbt ſich gegenwärtig jeder durch den täglichen Verkehr und die Lektüre populärer Schriften; die auf dieſen Wegen aufgenommenen abgeriſſenen Brocken bilden dann die Prämiſſen zu den leichtfertigſten Folgerungen. Um die Gefahr, welche hierin für Religion und Sittlichkeit liegt, abzuwenden, grade dazu bedarf es des rechten Unterrichts in den Natur⸗ wiſſenſchaften. Uebrigens iſt der wiſſenſchaftliche Materialismus einzelner Philoſophen und Naturforſcher


