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ſo dürften ſie ſich doch des Segens rühmen, welchen ſie dadurch den edlern Intereſſen der Menſchheit ge⸗ bracht haben.„Es iſt das Weſen des Nützlichen, daß es nach den ewigen Geſetzen des Weltenleiters das Gute und Schöne zum Begleiter hat.“ Nur die Naturwiſſenſchaften bahnen den Weg, auf welchem es ge⸗ lingen wird, die große Maſſe der Menſchen immer mehr aus dem Zuſtande geiſtloſer Arbeitsmaſchinen zu erlöſen und ihnen Muße und Mittel zu verſchaffen, in würdiger Weiſe das göttliche Ebenbild aus ſich herauszubilden.
Die Hauptbeſtrebungen der großen Naturforſcher gingen indeſſen zu aller Zeit weit ab von dem Trachten nach dem gemein Nützlichen. Den großen Aufſchwung der Naturwiſſenſchaften zu Anfang des 18. Jahrhunderts bekrittelte man gerade mit den entgegengeſetzten Vorwürfen. Cui bono? fragte man bei ihren anſcheinend müßigen und praktiſch unverwerthbaren Forſchungen und Spekulationen. Derſelbe Vor⸗ wurf würde aber auch heute noch von Denjenigen, welche nur das unmittelbar praktiſch Nützliche als das höchſte Ziel der Naturforſchung anzuſehen gewohnt ſind, den Beſtrebungen der Männer, welche dieſe Wiſſen⸗ ſchaft zu ihren Koryphäen zählt, gemacht werden, wenn ihnen bekannt wäre, daß nicht die Vervollkommnung der Dampfmaſchinen und Telegraphen die Zielpunkte ihrer Bemühungen ſind, ſondern die Vervollkommnung ihrer Wiſſenſchaft ſelbſt, die Herſtellung des innern Zuſammenhangs und die tiefere Begründung ihrer Theorien. Nur wenigen der großen Naturforſcher iſt ein materieller Vortheil aus ihrer Wiſſenſchaft er⸗ wachſen; ſie fanden den Lohn für ihre anſtrengenden Arbeiten in dem erfolgreichen Forſchen nach Wahrheit. Welch eine Begeiſterung dieſe dem Naturforſcher einzuflößen vermag, dafür mögen hier als Zeugniß die Worte Göthe's ſtehen, welche er an Herder ſchreibt:„Nach Anleitung des Evangelii muß ich Dich auf's eiligſte mit einem Glücke bekannt machen, das mir zugeſtoßen iſt. Ich habe gefunden— weder Gold noch Silber— aber was mir unſägliche Freude macht, das os intermaxillare am Menſchen.“ Und an einer anderen Stelle:„Wie lieb mir das Buch der Natur wird; meine ſtille Freude iſt unausſprechlich.“ Man möge endlich, ehe man die Naturforſchung mit ſolchen liebloſen und ungerechten Vorwürfen überhäuft, das Leben berühmter Naturforſcher prüfen und man wird ſich überzeugen, daß Hoheit der Geſinnung, Reinheit des Charakters und Tiefe des Gemüthes, kurz eine ächte und edle Humanität mit ihren Forſchungen nicht allein beſtehen kann, ſondern vielmehr in denſelben eine ihrer Hauptquellen hat.
Man muß indeß bekennen, daß an den Vorurtheilen gegen die Naturwiſſenſchaften, an dem völligen Verkennen ihrer höheren Bedeutung auch wenigſtens ein kleiner Theil der heutigen Naturforſcher ſelbſt die Schuld trägt. Zwar wird man von unbefangener Seite ihnen das nicht zum Vorwurfe machen wollen, daß ſie bei ſtreng wiſſenſchaftlichen Unterſuchungen auf dem ihnen eigenthümlichen Gebiete ſich die Grenze ihrer Forſchungen nicht von einer die Schranken menſchlicher Einſicht überſchreitenden Deutung der höchſten religiöſen Wahrheiten vorſchreiben laſſen. Niemand vermag das Weſen und Walten der Gottheit, ihre Ziele und Endzwecke in der unendlichen Schöpfung in eine Formel zuſammenzufaſſen, aus welcher ſich über das Einzelne mit Unfehlbarkeit entſcheiden ließe. Einige wenige— nicht in erſter Linie ſtehende— Natur⸗ forſcher, insbeſondere aber Dilettanten in der Naturkunde haben indeſſen allerdings die ihnen durch das Weſen dieſer Wiſſenſchaft ſelbſt geſetzten Schranken ſo ſehr verkannt, daß ſie ſich angemaßt haben aus ein⸗ zelnen, zum Theil noch nicht völlig konſtatirten oder nicht hinlänglich erklärten Thatſachen Folgerungen zu ziehen, welche über die höchſten ſittlichen und religiöſen Fragen Entſcheidungen abgeben ſollten. Gegen eine ſo vermeſſene Selbſtüberhebung wird Niemand nachdrücklicher Einſprache thun, als wer vermöge des tiefſten Eindringens in die Naturwiſſenſchaften auch die klarſte Einſicht in ihre nothwendige Begrenzung beſitzt.


