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weisheit unſerer heutigen Jugend, ihren Mangel an Pietät und Beſcheidenheit ſieht man als eine Folge ihrer Einbildung auf ein frühreifes Wiſſen an, welches unſere gegenwärtigen Schuleinrichtungen vorwiegend zu fördern ſuchten. Dieſe gegen die Realien gerichtete Anklage iſt in einem officiellen Aktenſtücke grade von einer Korporation ausgeſprochen worden, welche denſelben auf ihren Anſtalten in einer frühern Periode eine ſorgfältige Pflege angedeihen ließ. Die Naturwiſſenſchaften verdienen dieſen Vorwurf ſchon aus dem ein⸗ fachen Grunde nicht, weil in ihnen im Allgemeinen auf den Gymnaſien bisher ſehr wenig gelernt worden iſt. Es iſt aber auch nicht ſchwer nachzuweiſen, daß ſie, auf die rechte Weiſe betrieben, nächſt dem Religions⸗ unterricht am meiſten geeignet ſind, Demuth an die Stelle von Wiſſensdünkel zu pflanzen. Die Naturkunde fördert keine Bücherweisheit, da ſie, in rechter Weiſe betrieben, auf den Schulen nicht aus Büchern, ſondern aus der Betrachtung von Dingen und Erſcheinungen aus der Natur ſelbſt aufgefaßt wird. Dieſe Beſchäf⸗ tigung erſcheint aber nicht ſelten den ſogenannten geiſtreichen Köpfen kleinlich, unbedeutend und geiſtlos. Was aus dieſen Wiſſenſchaften auf der Schule vorkommt, ſind nur die erſten Elemente; dieſe aber eröffnen dem Schüler eine ſolche unendliche Perſpektive, daß er in jedem Augenblick fühlen muß, er ſtehe nur auf der erſten Schwelle einer der umfangreichſten menſchlichen Erkenntnißſphären. Und mit welchen Schwierigkeiten hat er zu kämpfen, um ſich nur dieſer erſten Elemente mit der nöthigen Gründlichkeit zu bemächtigen. Dünkel vermag nur aus einem leichtfertigen, oberflächlichen Wiſſen hervorzugehen; zur Foör⸗ derung deſſelben kann zwar die Naturkunde mißbraucht werden, iſt aber ihrem Weſen nach am wenigſten dazu geeignet. Alles erinnert den Menſchen hier an die Armuth ſeiner Mittel gegenüber dem Reichthum einer unendlichen Schöpfung, deren Fülle und Mannigfaltigkeit er ſich in die einfachſten Elemente zerlegen muß, um ihren tiefen Wundern ſich annähern zu können und Sandkorn für Sandkorn zum Baue ſeiner Wiſſenſchaft zuſammenzutragen. Blicke in die Geſchichte dieſer Wiſſenſchaften, wozu der Unterricht oft Gelegenheit darbietet, vermögen den Geiſteshochmuth des Menſchen zur demüthigen Erkenntniß ſeiner geringen Kraft herabzuſtimmen; denn durch welche zahlloſen und unbegreiflichen Irrwege haben ſich oft die größten Denker hindurcharbeiten müſſen; wie ſind ganze Generationen im Dunkel herumgetappt, ohne auf Wahrheiten zu ſtoßen, welche ſo einfacher Natur ſind und uns jetzt ſo nahe liegen, daß man ſie für angeboren halten möchte. Und ungeachtet der angeſtrengteſten Bemühungen außerordentlicher Menſchen ſtehen wir faſt überall noch an den Anfängen einer befriedigenden Naturerkenntniß, iſt uns überall der innerſte Zuſammenhang noch nicht aufgeſchloſſen und bleiben uns die letzten Gründe wohl für immer verborgen. Nicht die Naturwiſſen⸗ ſchaften ſind der Boden, auf welchem das Geſchlecht blaſirter Raiſonneurs gedeiht; durch ſie kann nicht leicht Unreifes und Unfertiges in die Köpfe gebracht werden. In Geſchichte und Literatur laſſen ſich viel leichter die Kenntniſſe maſſenweiſe aufſchichten, mit denen man dann auch im Stande iſt, in geſelligen Unterhaltungen, in welche die Naturwiſſenſchaften noch keinen Eingang gefunden haben, zu glänzen; auch die Fähigkeit, ſich in fremden Sprachen auszudrücken, bringt die Beſcheidenheit in weit größere Gefahr.
Ein tieferer Blick in die Geſchichte der Naturwiſſenſchaften und eine genauere Kenntniß der Ziele, welche ſich die Vertreter dieſer Wiſſenſchaften zu allen Zeiten— und auch ganz beſonders in der Gegen⸗ wart— geſetzt haben, würde auch hinreichen, den härteſten Vorwurf, welchen man gegen dieſelben in unſerer Zeit unaufhörlich erhebt, zu beſeitigen. Die überraſchenden Erfolge, welche aus der Anwendung ihrer Lehren hervorgegangen ſind, rufen die Meinung hervor, als ſei die Förderung der materiellen Intereſſen das Haupt⸗ ziel dieſer Wiſſenſchaften ſelbſt. Ihre Lehren ſcheinen dem Laien dann nur die Bedeutung von Nützlichkeits⸗ recepten zu haben, welche dem Materialismus, der Habſucht, dem Luxus die Mittel zum Gedeihen bieten. Aber geſetzt auch, die Naturwiſſenſchaften hätten zunächſt nur den Zweck das materielle Wohl zu fördern,
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