Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht an Gymnasien / von Gies
Entstehung
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Wüſte zurücklaſſe, während ſie vor ſich ein Paradies gefunden habe, in ſein Gegentheil umzukehren. Zeigen ſich doch alle Geſchöpfe, die Pflanzen wie die Thiere, in der Hand des Menſchen bildſam und der Ver⸗ edelung fähig.

Die Schule iſt unter den Mitteln, welche die Kunſt zur äſthetiſchen und Gemüthsbildung darbietet, faſt nur auf die Poeſie beſchränkt; und grade dieſe zieht ihre koſtbarſten Schätze aus der Natur. Wie kann der an den lebendigen Schilderungen Homers ſich erfreuen, welcher arm an eignen lebendigen Anſchauungen aus der Natur iſt? Unſere größten Dichter haben ihren Geiſt nicht minder an der Natur als an literariſchen Studien genähret; nicht durch die letztere, ſondern durch ſeine ſcharfe Beobachtung der Menſchen und der Natur iſt Shakspeare der größte Dramatiker geworden; Göthe war Naturforſcher und Dichter zugleich, und ſelbſt Schiller hatte eine mehr realiſtiſche Bildung. Dieſe Richtung in Verbindung mit der angebornen klaren Auffaſſungs⸗ und ſcharfen Beobachtungsgabe der Sinnenwelt hat ſie zu der anſchaulichen und leben⸗ digen Darſtellung ihrer Ideen befähigt. Die Lektüre kann keine neuen Anſchauungen ſchaffen, ſie kann nur die vorhandenen zu beſtimmten Zwecken kombiniren; und es zeugt abermals von der herrſchenden Einſeitigkeit unſerer Erziehung, daß man die Jugend ſich nur an der abgeblaßten, kopirten Welt der Bücher nähren läßt, ſtatt ihren Sinn auch auf die lebendige Wirklichkeit zu richten.Die Natur iſt doch das einzige Buch, ſagt Göthe, welches auf jeder Seite großen Gehalt bietet. Sie iſt die urſprünglichſte, friſche und kräftige Quelle des Gefühls und der Phantaſie. Einen Tag unter dem klaren Himmel, in Wald und Flur, beim Geſange der Vögel und in der Betrachtung des Lebens und Webens der Natur zugebracht, iſt ein Tag der Poeſie, welche man erlebt, welche Phantaſie und Gemüth tief und nachhaltig anregt und eine Friſche über alle Empfindungen verbreitet, welche die Lektüre niemals zu geben vermag. Für dieſe Poeſie iſt jedem Alter und jedem Stande die Empfänglichkeit verliehen;ſie bietet jedem eine Gabe, dem Jüngling, wie dem Greis am Stabe. Aber die Empfänglichkeit dafür bedarf einer beſondern Pflege, wenn ſie nicht abſterben oder von andern Intereſſen erſtickt werden ſoll.

Der Sinn für die Natur erliſcht ſchon in den unteren Klaſſen des Gymnaſiums, wenn ihm keine Nahrung zugeführt wird; er wird völlig überwuchert von den Intereſſen und Genüſſen, welche ſich aus ungehörigem geſelligem Verkehr entwickeln. Man klagt allgemein über Erſchlaffung und Blaſirtheit der heutigen Jugend; man will dieſe Erſcheinung der Ueberbürdung der Schüler mit Lehrgegenſtänden und den geſteigerten Anforderungen an dieſelben Schuld geben. Wie aber eine übermäßige Beſchäftigung zu Ge lagen und Tanzvergnügungen, zum Zeitverderb mit Kartenſpiel und Romanenlektüre Veranlaſſung geben kann, wird ſchwer zu begreifen ſein. Nach der gemeinen Erfahrung iſt vielmehr Mangel an Beſchäftigung die Quelle ſolchen Mißbrauchs der Zeit. Die ſchlimmſten Uebel, von welchen die Gymnaſien heimgeſucht werden, pflanzen ſich von den Univerſitäten auf dieſelben fort; man wird aber doch nicht behaupten wollen, daß ſie dort aus der Ueberbürdung mit Lehrgegenſtänden hervorgingen? Am allerwenigſten zu begreifen iſt aber, wie man in der Beſeitigung desjenigen Lehrgegenſtandes eine Abhilfe für dieſe Uebelſtände hat erkennen mögen, der gerade dazu berufen ſcheint, der Schule die kräftigſte Hilfe gegen dieſelben darzubieten; denn die Zerſtreuungen und Genüſſe, wozu die Naturkunde verleiten kann oder vielmehr anleiten ſoll, wirken jener Verweichlichung und Erſchlaffung gerade entgegen, indem ſie Leib und Seele ſtählen und erfriſchen und an die Sielle der Anticipation der Genüſſe des reiferen Alters die geſunden und naturgemäßen Freuden der Jugend ſetzen.

Eine gleiche Bewandtuiß hat es mit einem andern Vorwurfe, welcher den Naturwiſſenſchaften in Be⸗ ziehung auf andere Maäͤngel unſerer heutigen Erziehung gemacht wird. Die zunehmende Eitelkeit und Naſe⸗