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gebildet und kann nicht das Studium der Sprachen einen leeren, gemüthloſen Formalismus des Verſtandes, eitle Spitzfindigkeit und Wortklauberei zur Folge haben? Berufen ſich doch die Gegner der alten Sprachen auf ſolche Wahrnehmungen. Ja ſelbſt bei aller Feinheit des Sinnes für die Schönheit der Form und den Wohllaut der Sprache kann das Gemüth aller tiefern und innigern Gefühle baar ſein. Bildung des Ge— ſchmacks iſt noch nicht identiſch mit Gemüthsbildung. Es iſt eben die beklagenswerthe Folge unſerer ein⸗ ſeitigen Erziehungsweiſe, daß wir für die äſthetiſche Erziehung die Werke der göttlichen Weisheit den Werken der menſchlichen Kunſt nicht nur nachſetzen, ſondern ſie ſogar oft völlig unbeachtet laſſen. Weſſen Auge nie gebildet worden iſt für das Auffaſſen dieſer Fülle von Schönheit und Harmonie, die ſich im Ganzen der Natur, wie im Einzelnen und Kleinſten offenbart, weſſen Sinn nie geöffnet worden iſt für dieſen reiz⸗ vollen Wechſel unendlich mannigfaltiger Erſcheinungen, wem von Jugend auf tiefere Gemüthsbeziehungen zur Natur fremd geblieben ſind, grade dem bleiben keine andere Beziehungen zu dieſer ihm alltäglich und proſaiſch erſcheinenden Welt übrig, als die des gemeinen Nutzens, grade der ſieht in der Natur nur ein Vorrathshaus für Küche und Keller. Dies ſoll eben eine Hauptaufgabe des naturwiſſenſchaftlichen Unter⸗ richts ſein, an die Stelle des niedern Intereſſes für eine rohe Ausbeutung der Natur einen empfänglichen Sinn für ihre Schönheit und Vollkommenheit zu pflanzen. Nur in Verbindung mit der Pflege der Liebe zur Natur, des Vermögens, ihre Schönheit und Erhabenheit wahrzunehmen und zu empfinden, wird eine wahre und geſunde äſthetiſche Bildung erzielt werden können. Die Natur iſt die urſprünglichſte und reinſte Quelle der menſchlichen Kunſt, zu welcher dieſe immer wieder zurückzukehren ſich genöthigt ſieht, um aus den Verirrungen des Geſchmacks die rechten Wege wieder aufzufinden. Die Schöpfungen der Natur ſind von einer vollendeten Durchbildung ſowohl in der Form des Ganzen als in der Symmetrie und Zuſammen⸗ ſtimmung der Theile, in der Feinheit des einzelnen und kleinſten Details, im Schmelz der Farben und in der Mannigfaltigkeit und Zartheit ihrer Schattirungen, daß dagegen alles, was die Menſchenhand zu bilden vermag, nur unvollkommen, ſchüler⸗ und ſtümperhaft erſcheint. Dazu ſind die höchſten Schöpfungen der menſchlichen Kunſt ſelten zugänglich und dem Anfänger ſchwer verſtändlich; auch ſprechen ſie uns nicht in jeder Gemüthslage an. Die Erſcheinungen der Natur dagegen harmoniren mit jeder unſerer wechſelnden Seelenſtimmungen und gewähren ſelbſt dann noch ein lebhaftes Intereſſe, wenn wir ihren Sinn nicht voll— ſtändig zu verſtehen im Stande ſind. Zwar geht vielen, welche ſich nie mit dem Einzelnen in der Natur beſchäftigt haben, der Sinn für ihre Schönheiten im großen und erhabenen Stile, für den Totaleindruck des Zuſammenwirkens der Maſſen und Kräfte nicht ab; aber die Gelegenheit für dieſen Naturgenuß bietet ſich ſelten und nur in geringer Mannigfaltigkeit dar, und grade die Jugend zeigt ſich dafür wenig empfänglich. Ein deſto lebhafteres Intereſſe nimmt ſie an den einzelnen Naturgegenſtänden und Phänomenen; und an der Beſchäftigung mit dieſen läßt ſich auch ihr Sinn für das Ganze heranbilden. Das ungebildete Auge iſt blind gegen das Einzelne; der Laie unterſcheidet in der Natur neben wenigen nutzbaren Pflanzen und Thieren nur noch Unkraut und Ungeziefer, wo der Kundige noch eine Fülle des Bewundernswürdigen wahr⸗ nimmt, das Gedanken und Gefühle anzuregen und weithin zu tragen vermag. An die Stelle dieſes Sinnes für das wahrhaft Schöne in der Natur tritt dann bei der großen Mehrzahl der Menſchen die eitle Luſt an den Flittern und Künſteleien einer Induſtrie, welcher phyſiſches und materielles Wohl von Millionen zum Opfer gebracht wird. Wenn ſtatt dieſer Geſchmacksverirrungen Liebe und Freude an der Natur die Gemüuͤther beherrſchte, welch einen blühenden Garten vermöchten die Millionen Hände, welche die Luxus⸗ induſtrie zu der traurigſten Sklavenarbeit mißbraucht, allerwärts hervorzuzaubern, um den Vorwurf, welchen Schleiden der Civiliſation macht, daß ſie bei ihrem Vorſchreiten von Oſten nach Weſten hinter ſich eine 2


