Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht an Gymnasien / von Gies
Entstehung
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dem Kinde den empfänglichen Sinn verliehen hat, anerkennen als das nothwendige und vollkommenſte Supplement zu den abſtrakten Lehrgegenſtänden der Sprachen und der Mathematik, welches alles bietet, was dieſe ihrer Natur nach nicht zu geben vermögen. Der Raum, welchen ſie dem Unterricht in der Na turkunde neben ſich gönnen, wird ſie nicht beengen. Dieſer Wechſel im Unterricht ſetzt nicht die Spannung derſelben Seelenkräfte fort, ſondern fordert friſche, noch unverbrauchte Kräfte; darum dienen die naturwiſſen ſchaftlichen Lehrſtunden zur Erholung und Neubelebung der ermüdeten Seele; ſie erheben und erfriſchen wieder die Stimmung und Empfänglichkeit für die abſtrakteren Lehrgegenſtände.

Die Gegner des naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts beſchuldigen denſelben, daß er den Sinn des Schülers zerſtreue und von dem Hauptzwecke des Gymnaſiums abwende. Nach unſerer Ueberzeugung hat das Gym⸗ naſium gerade die entgegengeſetzte Wirkung von demſelben zu erwarten, wenn er nur auf die rechte Weiſe ertheilt wird, indem er dann das wirkſamſte Gegenmittel eben gegen die verderblichſten Zerſtreuungen werden kann. Dieſer Unterrichtsgegenſtand bietet der Schule das Mittel, ſelbſt die Erholungen der Schüler in eine Bahn zu lenken, welche ihren Sinn vor ſolchem Vergnügen und Zeitvertreib bewahrt, aus der Rohheit oder Erſchlaffung entſpringt, oder doch Träumereien entſtehen, die noch auf der Schulbank fortgeſetzt werden. Er vermag dem Geiſte eine angenehme und leichte Beſchäftigung zu gewähren, welche als ein Prophylaktikon gegen den Mißbrauch der Erholungsſtunden wirkt, ohne dabei durch unverſtändige und kindiſche Spielereien ernſtern Studien zu entfremden. Die Erholungen, welche die Naturkunde gewährt, können zu einem ſehr wichtigen Bildungsmittel werden, aus welchem ein Gewinn an geiſtigen und leiblichen Kräften gezogen werden kann, der auch den übrigen Lehrgegenſtänden zu Gute kommen muß; weit entfernt, den ernſtern Studien Abbruch zu thun, vermögen ſie die Schüler auch außerhalb der Schule in der geiſtigen und ſittlichen Sphäre derſelben zu erhalten, ihre Kräfte vor Erſchlaffung zu bewahren und ſie zu friſcher Spannung auch nach andern Richtungen hin zu befähigen. Denn der Gegenſatz, in welchem Sprachen und Naturkunde ſtehen, ſchließt die gleichzeitige Luſt und Liebe an beiden nicht aus. Zahlreiche Naturforſcher haben ſich durch eine vollendet ſchöne ſprachliche Darſtellung ausgezeichnet, wie es umgekehrt nicht ſelten von Philologen ausgeſprochen worden iſt, daß ſie ihre liebſten Erholungen in der Beſchäftigung mit der Naturkunde gefunden haben. Auch im wechſelnden Spiele der geiſtigen Kräfte fördern ſich in einem gewiſſen Grade die Gegen⸗ ſätze, wie dies ja in der ganzen phyſiſchen und moraliſchen Welt ſtattfindet.

Die bisherigen Erörterungen bezogen ſich nur auf diejenigen Vortheile des naturwiſſenſchaftlichen Un⸗ terrichts, welche derſelbe für die Ausbildung des Anſchauungs⸗ und Beobachtungsvermögens, des Verſtandes, des Gedächtniſſes und der Einbildungskraft darbietet. Die Gegner dieſes Unterrichtsgegenſtandes halten den Gewinn auf dieſer Seite der Geiſtesbildung, wenn ſie ihn überhaupt in Anſchlag bringen, für mehr als aufgewogen durch die Nachtheile, welche nach ihrer Anſicht die Richtung der Sinnen⸗ und Seelenkräfte auf die Erkenntniß der äußern Welt, der proſaiſchen Wirklichkeit, dem tiefern Gemüthsleben, der höhern, auf die idealen Objekte gerichteten Intelligenz zufügt; ſie befürchten, daß durch die Beſchäftigung mit den auf phyſiſch Nützliches und Schädliches ſich beziehenden Lehren dem Materialismus der Geſinnung und That auch in den Kreiſen, welche auf dem Gymnaſium die Grundlage ihrer Bildung ſich erwerben, Thür und Thor geöffnet werden dürfte.

Wir geben zu, daß der naturwiſſenſchaftliche Unterricht ſo ertheilt werden kann, daß die Entwicklung des Gemüths und des idealern Erkenntnißſtrebens durch denſelben nicht gefördert wird, ſondern vielmehr Schaden nehmen kann; die Schuld davon muß man aber dann nicht dem Lehrſtoff, ſondern der Lehrmethode zuſchreiben. Hat nicht auch das Studium der Geſchichte herrſchſüchtige Tyrannen und herzloſe Diplomaten