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Verlangt man von den Lehrſtoffen, an welchen die Gymuaſtalbildung zum Abſchluß gebracht werden ſoll, daß ſie die Geiſtesfähigkeiten in ihrem vollen Umfange und ihrer ganzen Tiefe in Anſpruch nehmen und die Empfänglichkeit und den innern Trieb für wiſſenſchaftliche Erkenntniß und die Freude an Wahrheit und hoͤherer Einſicht anregen und auf die Höhe erheben, durch welche die Reife für die akademiſchen Studien und die Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg derſelben bedingt werden, ſo wird in dieſer Beziehung kaum ein anderer auf das Gymnaſium gehöriger Lehrgegenſtand mit der Phyſik auf gleiche Linie zu ſtellen ſein.
Aus den im Vorſtehenden gegebenen Andeutungen wird vielleicht zur Genüge erhellen, wie der natur⸗ wiſſenſchaftliche Unterricht in Beziehung auf formale Bildung eine weſentlich andere Aufgabe hat, als der Sprachunterricht, und ganz dazu geſchaffen iſt, dieſen zu ergänzen und zu unterſtützen, ja einem geſunden Gedeihen aller abſtraktern Unterrichtsgegenſtände erſt den Boden zu bereiten. Der Verkehr mit der ſicht— baren Welt gibt die urſprünglichſten Anſchauungen, Vorſtellungen und Begriffe, welche der Sprachunterricht bei ſeinen Operationen vorausſetzen muß, da ſie erſt den Worten und den daraus abgeleiteten Beziehungen Leben und Bedeutung verleihen. Die Naturkunde ſtellt vor das Auge des Schülers ein vollendetes Ganzes, welches einen Komplex von Einzelvorſtellungen einſchließt, die er ſich durch Anſchauung und auf analytiſchem Wege zum Bewußtſein bringen muß; der Sprachunterricht operirt mit dieſen durch Worte repräſentirten Einzelvorſtellungen auf ſynthetiſche Weiſe, um zu zuſammengeſetzteren Begriffen aufzuſteigen. Ohne dieſe Grundlage von Anſchauungen würde der Sprachunterricht— insbeſondere ein zu frühzeitiger— die Gefahr mit ſich bringen, beſchränkte Gedächtnißmenſchen und leere Schwätzer zu bilden. Wenn es gelänge, die ge⸗ ſammte geiſtige Thätigkeit der Schüler an die ausſchließliche Beſchäftigung mit den Sprachen zu feſſeln, ſo würde dieſer Unterricht gerade dadurch ſeinen wichtigſten formalen Bildungszweck verfehlen, der darin beſteht: die an der Betrachtung der Außenwelt zunächſt ſich entwickelnden Vorſtellungen und Begriffe auf die innere geiſtige Welt zu übertragen, dieſelben zu einem höheren Grade von Feinheit und Schärfe auszubilden und zum Auffinden der mannigfaltigſten Beziehungen zwiſchen denſelben anzuleiten. Gar manche Schüler beſitzen ausgezeichnete Sprachkenntniſſe und es geht ihnen dennoch Takt und Gewandtheit in jener Beziehung völlig ab. Nothwendiger Weiſe reagirt aber der geſunde Trieb der Jugend gegen eine ſolche unnatürliche Beſchränkung, wo ſie etwa verſucht wird; es iſt nicht möglich mit den Sprachen allein alle ſich regenden Seelenvermögen der Jugend zu beſchäftigen; die leer ausgegangenen ſuchen ihre Befriedigung auf eigene Rechnung. Aber iſt es pädagogiſch zu rechtfertigen dieſe geſunden Bildungstriebe verwildern zu laſſen, oder ihre Regelung und Ausbildung dem Zufalle preiszugeben? Wenn die unbefriedigten Sinne ihre Beſchäf⸗ tigung auf der Straße, ſtatt in dem naturwiſſenſchaftlichen Unterrichte, und in ungehörigem geſelligem Treiben, ſtatt im ſinnigen Verkehr mit den Wundern der Schöpfung in Wald und Flur ſuchen müſſen, was gewinnt die Schule bei dieſer Art von Autodidaxis ihrer Zöglinge? Es kommt doch wohl für den Erfolg des Sprachunterrichts nicht bloß auf die wöchentliche Stundenzahl, ſondern noch mehr auf einen friſchen, em⸗ pfaͤnglichen, durch keine ſchädlichen Zerſtreuungen verdorbenen Sinn ihrer Schüler an. Man möge hierbei die Worte Göthes erwägen:
Dummes Zeug vor die Augen geſtellt Hat ein magiſches Recht;
Weil es den Sinn gefeſſelt hält, Macht es den Geiſt zum Knecht.
Dankbar ſollte jeder Pädagoge das Bildungsmittel, welches die hoöchſte Weisheit ſelbſt in s⸗ unendlich mannigfaltigen Schöpfung voll Schönheit und Wunder vor unſeren Augen ausgebreitet und wofür ſie ſchon


