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kann und geſchehen muß, wird jedem klar werden, der einen und denſelben Naturgegenſtand dem darin ge⸗ übten und einem ungeübten Schüler zugleich zur Betrachtung und Beurtheilung vorlegt. Während der ſtumpfe Sinn des letzteren nur mühſelig und unvollſtändig die allgemeinen Umriſſe und ein und das andere oft unweſentliche Merkmal, das grade ſeinem engbegrenzten Vorſtellungskreiſe näher liegt, aufzufaſſen ver⸗ mag, verſchafft ſich das geübte Auge mit einem raſchen Ueberblick einen vollſtändigen Totaleindruck des Ganzen bei einer ſcharfen Unterſcheidung der einzelnen Merkmale, und zwar vor allen der weſentlichen, ver— mag feine Unterſchiede und entfernte Aehnlichkeiten mit ſicherem Takte herauszufinden und umfaßt Vieles mit einem Blicke, was das ungeübte Auge nur ſtückweiſe und unvollſtändig aufzuſuchen vermag. Zugleich mit dem Auge übt ſich aber auch beim Zergliedern die Hand, dies für das Auge berechnete praktiſche Organ, und der zur Ergänzung und Kontrolirung des Geſichtsſinns nothwendige Taſtſinn.
Mit dieſen Sinnesübungen verknüpfen ſich nun auf die naturgemäßeſte Weiſe die entſprechenden mannigfaltigen Uebungen der geiſtigen Funktionen. Vorſtellungen und Begriffe entwickeln ſich aus dieſen Anſchauungen; Urtheile und Schlüſſe werden an anſchaulichen Objekten vollzogen und können darum hier frühzeitiger aus ſpontaner Geiſtesthätigkeit hervorgehen. Die aus Abſtraktionen von ſinnlichen Objekten ge⸗ wonnenen allgemeinen Lehren werden wieder beim Beſchreiben und Beſtimmen der Naturgegenſtände auf beſondere Fälle angewendet; dieſe Dinge und ihre Merkmale ſind vielfach nach den allgemeinen Geſichts⸗ punkten ihrer Aehnlichkeit, Verwandtſchaft, Verſchiedenheit u. ſ. w. zu kombiniren und zu ordnen. Und alle dieſe Thätigkeiten des Verſtandes, des Gedächtniſſes, der Einbildungskraft ſtützen ſich auf ſinnliche, klare Anſchauungen, haften an ſinnlichen Bildern, deren Friſche und Lebendigkeit die ſpontane Thätigkeit des Geiſtes anregen und fördern. Dieſe Uebungen laſſen ſich außerdem ſtufenmäßig der Entwicklung der Geiſtes⸗ kräfte anpaſſen. Insbeſondere läßt der naturgeſchichtliche Unterricht ſich ſo einrichten, daß daraus die Schule für die verſchiednen Entwicklungsſtufen ihrer Zöglinge einen reichen Gewinn zu ziehen vermag. Dagegen eignen ſich die Phyſik und Chemie vorzugsweiſe für die obern Klaſſen; ſie ſetzen ein kräftigeres Abſtraktions⸗ und Schlußvermögen, einen größern Scharfſinn, überhaupt einen entwickeltern Verſtand voraus, als er ſich bei Schülern der untern und mittlern Klaſſen findet. Aber eben weil die Phyſik dieſe geiſtige Befähigung zur Bedingung hat, wird ſie zu einem vorzüglichen Bildungsmittel in den obern Klaſſen. Die Denkopera⸗ tionen, durch welche die phyſikaliſchen Theorien gefunden und begriffen werden, ſind freilich denen, welche die Mathematik fordert, ſehr nahe verwandt; dennoch iſt die Annahme falſch, daß, was die formale Bildung betrifft, der phyſikaliſche Unterricht durch den mathematiſchen genügend erſetzt werden könnte. In der Mathematik vollziehen ſich zwar die Denkgeſetze in reinerer und vollendeterer Form; aber ihr Objekt iſt nur ein einfaches, die Quantität; in der Phyſik aber walten alle Kategorien der Logik. Die Phyſik übt außerdem den Scharfſinn des abſtrakten Denkvermögens zugleich mit dem Scharfſinn des Beobachtungsver⸗ mögens. Denn aus dem Verlaufe von ſinnlichen Erſcheinungen müſſen die Naturgeſetze durch Scheidung des Nothwendigen vom Zufälligen, des Weſentlichen vom Unweſentlichen, des reinen Reſultats von den ſtoͤrenden Nebenumſtänden abgeleitet werden. Hier unterſtützen und beleben die Sinneneindrücke die Anſtrengungen des Geiſtes, wie umgekehrt bei der Anwendung der Naturgeſetze auf die Erklärung von Erſcheinungen, ins⸗ beſondere bei der Darſtellung von früher ungeahnten, durch Ableitung aus Naturgeſetzen gefundenen Phäno⸗ menen die geſpannte Aufmerkſamkeit des Geiſtes die Sinne ſchärft. In den phyſikaliſchen Analyſen und Syntheſen ſind es im Gegenſatz zu den mathematiſchen die mannigfaltigſten Anſchauungen und Vorſtellungen von Eigenſchaften der Dinge, von Kräften und Bewegungen, welche mit den allgemeinen Lehren in Verbin⸗ dung geſetzt werden müſſen.


