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alles geiſtige Leben arm, dürr und trocken, zu reicheren Kombinationen und tiefſinnigeren Erfindungen un⸗ fähig, oder es vermag ſich doch nur in einem beſchränkten Kreiſe abſtrakter Vorſtellungen einen gewiſſen Grad von Stärke und Regſamkeit zu erwerben. Wer ſein inneres, geiſtiges Leben früh gegen die Sinnen⸗ wahrnehmungen abſchließt, ſchneidet damit auch die nothwendigen Beziehungen des innern Seelenlebens zur Wirklichkeit ab und verliert dann den ſicheren Boden unter den Füßen, der vor mancher verirrten Spekula⸗ tion und vor manchem unnützen Verbrauch der edelſten Kräfte im Leben und in der Wiſſenſchaft bewahrt haben würde.
In der innigſten Beziehung zu allen Thätigkeiten unſeres Geiſtes ſteht das Auge; insbeſondere kann das Auge der Sinn des Denkvermögens genannt werden. Alles aufmerkſame Sehen iſt ſchon ein Denken, iſt ſtets eine von einem Urtheil begleitete Empfindung; aber dieſe enge Verbindung zwiſchen dem Auge und der Denkkraft zeigt ſich nicht bloß bei den ſinnlichen Wahrnehmungen; die abſtrakteſten Spekulationen unſeres Geiſtes hängen mit den entſprechenden Thätigkeiten des ſinnlichen Auges durch mehr als die bloße Analogie zuſammen(vergl. Waitz Allg. Pädagogik). Das innere Schauen, welches unſer Denken begleitet und er⸗ hellt, der innere Ueberblick über unſere Gedankenreihen und Ideenkreiſe, der Formenſinn, welcher unſeren Gedanken eine feſte Bildung und beſtimmte Geſtalt gibt, ſie haben ſich zunächſt entwickelt durch die Uebungen in den entſprechenden Thätigkeitsſphären des äußeren Sinnes.„Es iſt nichts in dem Verſtande, was nicht zuvor in den Sinnen war.“ An ſinnlichen Objekten muß ſich der Geiſt zunächſt die Fähigkeit erwerben, ein Ganzes in ſeine einzelnen und feinſten Theile zu zergliedern und zu verfolgen und dieſe Theile wieder zum vollſtändigen Ganzen zuſammenzufaſſen, über dem Detail das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, in ungeordnete Maſſen von Anſchauungen und Vorſtellungen Klarheit, Ordnung und Ueberblick zu bringen, Verwandtes und Zuſammenfließendes zu unterſcheiden und Verſchiedenartiges durch Auffindung von Ver⸗ gleichungspunkten zu verknüpfen. Wem die Beſchäftigung mit der friſchen Sinnenwelt in der Jugend dieſe Gaben tief eingeprägt hat, der wird ſie auch auf dem Felde abſtrakter Thätigkeit bewähren.
Daß für ſo wichtige und umfaſſende Uebungen das Spielwerk der Kleinkinderbewahranſtalten nicht ausreicht, daß ſie mehr als Sinnenſpiel ſein müſſen, daß nur das reifere Knaben⸗ und angehende Jünglings⸗ alter die erforderlichen Kräfte für dieſelben darzubieten vermögen, iſt wohl für ſich klar. Das Gymnaſium muß durch eine fortdauernde geregelte und methodiſche Anleitung dieſe wichtigen Uebungen zu fördern ſuchen. Daß für dieſen Zweck nur die Naturkunde alle erforderlichen Eigenſchaften beſitzt, bedarf heutigen Tages auch keines Beweiſes mehr.
Mit unwiderſtehlichem Zauber lockt die Natur mit ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit und Schönheit von Formen, Farben, Tönen und Bewegungen einen reinen ſich hingebenden Menſchen an; ſie will gleichſam die Sinne gefangen nehmen, um durch ſie auch den Geiſt zu feſſeln und ihn an der Betrachtung und Ent⸗ räthſelung ihrer Erſcheinungen zu immer höheren Erkenntniſſen hinaufzuleiten. Aber dieſe friſche Empfäng⸗ lichkeit für die Beobachtung der Naturgegenſtände und Naturerſcheinungen findet ſich bei den Schülern nur ſo lange, als nicht eine andere, abſtrakte Bildungseinrichtung, oder andere, insbeſondere geſellige Intereſſen ſich ihres Geiſtes bemächtigt haben. Es iſt nun die Aufgabe des Unterrichts, der angebornen Empfänglich⸗ keit der Sinne Dauer und Feſtigkeit zu verleihen und ihren noch flüchtigen, unſteten Gebrauch an Regel und Methode zu gewöhnen. Jede Thätigkeit der Sinne iſt mit einem Urtheil verknüpft; in keinem Unter⸗ richtsgegenſtande iſt die frühzeitige Entwicklung einer geſunden Urtheilsfähigkeit ſo naturgemäß, ſo wenig zu einer krankhaften Frühreife verleitend, als in der Sphäre der ſinnlichen, auf Sinneneindrücke, wie ſie die Naturgeſchichte darbietet, ſich gründenden Urtbeile. Wieviel in dieſer Beziehung ſchon frühzeitig geſchehen


