Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht an Gymnasien / von Gies
Entstehung
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ſo ausdrucksvolle und gleichmäßige Herausarbeitung aller Fähigkeiten und Anlagen der Menſchennatur, daß jede derſelben auf ihre Weiſe, in voller Kraft ſich äußern und ihrer Beſtimmung gemäß wirken kann. Mit dieſer Definition ſind auch wir einverſtanden. Aber die Anlagen unſeres Geiſtes ſind mannigfach, und ebenſo mannigfaltig müſſen die beſonderen Ziele ſein, welche das Gymnaſium ſich zu ſetzen hat. Jeder ein⸗ zelne Lehrſtoff kann unſerem geiſtigen Organismus auch nur eine mehr oder weniger einſeitige Nahrung darbieten; ein einziger Lehrſtoff kann daher nicht die Grundlage einer geſunden, harmoniſchen geiſtigen Ent⸗ wicklung bilden. Der reife, allſeitig ausgebildete Mann, wenn er etwas Tüchtiges in den Wiſſenſchaften leiſten will, iſt genöthigt ſeine ganze Geiſteskraft auf eine einzelne Disciplin zu concentriren; aber ſelbſt dieſer kommt dabei, wenn er ſich nicht neben ſeiner Hauptbeſchäftigung einen regen und empfänglichen Sinn für möglichſt viele andere Erſcheinungen in Wiſſenſchaft, Kunſt und Leben bewahrt, in die Gefahr, neben einer wiſſenſchaftlichen Specialität eine abnorme Individualität aus ſich zu machen; wie vielmehr noch be⸗ darf der werdende und wachſende geiſtige Organismus eines Knaben und Jünglings einer mannigfaltigen Anregung und Nahrung, wenn man nicht auf dem geiſtigen Gebiete ähnliche Monſtroſitäten zu Tage fördern will, wie ſolche die einſeitigen Handgriffe in der Induſtrie leider in phyſiſcher Beziehung ſchon zum Vor⸗ ſchein gebracht haben. Der Unterricht in den Sprachen muß alſo zur Ergänzung der auch ihm anhaftenden Einſeitigkeit noch andere Lehrfächer neben ſich zulaſſen und zwar unter ſolchen Bedingungen, daß dieſe auch den ihrem Weſen entſprechenden Einfluß auf die geiſtige Bildung gewinnen können. Unter allen den übrigen Lehrgegenſtänden können wir aber nicht umhin, die Naturkunde als denjenigen zu bezeichnen, der zur Erzie⸗ lung einer gleichmäßigen Entwickelung unſerer Seelenkräfte gerade die Bildungselemente, welche den Sprachen abgehen, in reichlichem Maße zu gewähren vermag.

Die Unentbehrlichkeit der Naturkunde entſpringt indeß nicht bloß aus der Forderung einer gleichmäßigen Ausbildung, von welcher ſie gewiſſe Seiten allein oder doch vorzugsweiſe zu kultiviren vermag; ſie ergibt ſich eben ſo unabweisbar aus der Beſtimmung der Gymnaſien als Vorbereitungsſchulen für das Studium der verſchiedenen Wiſſenſchaften und den künftigen praktiſchen Beruf ihrer Zöglinge. Es iſt nun zunächſt meine Aufgabe, den naturwiſſenſchaftlichen Unterricht in Beziehung auf dieſe beiden Zwecke, welche derſelbe zu erfüllen hat, einer ausführlichern Erörternng zu unterziehen.

Der Unterricht in der Naturkunde iſt bedingt durch die Anforderung an die Gymnaſien, ihren Zoͤg⸗ lingen eine allſeitige, harmoniſche und naturgemäße Ausbildung der geiſtigen Anlagen zu Theil werden zu laſſen. Es fällt ihr hierbei zunächſt die Aufgabe zu, das Anſchauungsvermögen und die auf die Erkenntniß der realen Welt gerichteten Geiſteskräfte überhaupt zu wecken und zu bilden. Die Sinne ſind die Kanäle, durch welche die junge Seele ihre erſte, von der Außenwelt her zuſtrömende Nahrung und damit die An⸗ regung zum Erwachen aus ihrem anfänglichen Schlummer empfängt; ſie ſind das Medium, durch welches auch der wachſenden und ſich entwickelnden Seele fortdauernd die geſundeſte Nahrung zugeführt wird, durch welches dieſe in ſteter Verbindung mit der Außenwelt bleibt und bleiben muß, wenn ſie nicht in Einſeitigkeit verkümmern ſoll; durch ſie gewinnt die Seele die Grundlage ihrer ganzen Entwickelung, indem ſie zahlreiche Empfindungen und Anſchauungen in ſich aufnimmt. Dem von außen an ſie herandringenden ſtrebt das rege und empfängliche Leben der jungen Seele mit drängender Begierde entgegen. Wo dieſer Drang der Seele, ſich mit Anſchauungen und Empfindungen gleichſam zu ſättigen, fehlt, da iſt keine geſunde, normale Ent⸗ wicklung, ſondern eine Verbildung oder krankhafte Anlage vorhanden. Nur auf dem Grunde einer reichen Mannigfaltigkeit allſeitiger und klarer Anſchauungen entwickelt ſich ein entſprechender Reichthum klarer, um⸗ faſſender Vorſtellungen, richtiger und gründlicher Begriffe und wahrer Ideen; ohne dieſe Grundlage bleibt