Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht an Gymnasien / von Gies
Entstehung
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zuverſichtlicherer Hoffnung dürfte man eine Berichtigung derſelben erwarten, wenn diejenigen, welche ſolchen Vorurtheilen huldigen, ſich die Mühe nehmen wollten, ſich, wenn nicht mit dem einen oder dem andern Theile dieſer Wiſſenſchaften ſelbſt, ſo doch mit der Geſchichte ihrer Entwicklung näher bekannt zu machen. Mit geringer Mühe könnten ſie z. B. aus Whewell's Geſchichte der induktiven Wiſſenſchaften erſehen, daß auch die Schätze dieſer Wiſſenſchaften nicht mit materiellen Hebeln zu gewinnen waren, ſondern daß nur die größten Denker der letzten Jahrhunderte, Männer von gründlicher Bildung, es vermocht haben, die Wege zu denſelben zu bahnen. Wollte man ſich ferner mit dem gegenwärtigen Standpunkte der Natur⸗ wiſſenſchaften etwas näher bekannt machen und die Probleme, womit die heutigen Naturforſcher ſich vorzugs⸗ weiſe beſchäftigen, ſowie die Wege, auf welchen ſie dieſelben zu löſen ſuchen, der genauern Beachtung wür⸗ digen, ſo könnte man leicht eine andere Grundlage für die Beurtheilung der Naturkunde gewinnen; man würde ſich alsbald überzeugen, daß die Reſultate dieſer Erfahrungswiſſenſchaft nicht minder einer ange⸗ ſtrengten Geiſtesarbeit zu verdanken ſind, als die der aprioriſtiſchen Wiſſenſchaften; was aber aus dem Geiſte ſeinen Urſprung genommen hat, muß auch in ſich die Kraft beſitzen, wieder Geiſtesnahrung zu werden.

Von dieſer Kategorie ſeiner Gegner hat indeſſen der naturwiſſenſchaftliche Unterricht in der Gegenwart wohl keine ernſtliche Gefahr mehr zu befürchten. Man wagt es jetzt ſeltener ſolche Geringſchätzung gegen die Naturwiſſenſchaften als Bildungsmittel offen auszuſprechen; es iſt auch für dieſen Beſtandtheil allgemein menſchlicher Bildung nach und nach die Zeit herbeigekommen, welcher gegenüber man ſeine Reputation zu gefährden beſorgt, wenn man es ſich erlauben wollte, ſolche leichtfertige Urtheile in demſelben zuverſichtlichen und oft unwürdigen Tone, wie dies ſonſt unbedenklich geſchah, über einen von der öffentlichen Meinung immer mehr in Schutz genommenen Gegenſtand zu fällen. Wir werden daher in der weiteren Eroͤrterung unſeres Gegenſtandes vorzugsweiſe auf die andere Klaſſe unſerer Gegnern Rückſicht nehmen, auf diejenigen nämlich, welche der Naturkunde nicht allen formalen Bildungswerth abſprechen, derſelben wohl auch noch ein ſehr beſcheidenes Plätzchen gönnen, wo ſie freilich mehr dazu geeignet ſein würde, den Lehrplan zu ver⸗ zieren, als die naturwiſſenſchaftliche Bildung zu foͤrdern. Das Schlagwort ihrer Reformprojekte iſt: Con⸗ centration des Unterrichts; ſie verbinden aber mit dieſem Worte nicht den Sinn, dem wir gern unſere Bei⸗ ſtimmung geben würden, daß man auf den Gymnaſien in jedem Lehrgegenſtande ſich auf das Weſentlichſte und Wichtigſte concentriren müſſe, um dem Unterrichte an Intenſität zu erſetzen, was er an Umfang den Exiſtenzbedingungen der übrigen Fächer zum Opfer bringen mußte. Unter Concentrirung verſtehen die meiſten eine Centraliſation des Unterrichts um die klaſſiſchen Studien, welchen ſie wieder eine ſolche Aus dehnung zu geben beabſichtigen, daß dadurch allen andern Lehrgegenſtänden des Gymnaſiums das Lebens⸗ mark entzogen werden würde. Daß hierbei unter allen ſogenannten Realien die Naturkunde mit beſonderer Ungunſt behandelt wird, erklärt ſich aus der Anſicht, daß der Sprachunterricht aus derſelben weder eine formelle noch materielle Unterſtützung ziehen könne. Man hält für den Kreis von wiſſenſchaftlich Gebildeten, welche aus den Gymnaſien hervorgehen, die formale Bildung, welche man durch die Beſchäftigung mit den Sprachen gewinnt, für völlig ausreichend und betrachtet in dieſer Beziehung die Naturkunde nicht als ein

jene Bildungsſphäre integrirendes, ſondern als ein derſelben fremdartiges und ſie in ihrer harmoniſchen Ent⸗ wickelung ſtörendes Element.

Wir wollen die vielſeitigen geiſtigen Anregungen und Entwickelungen, wozu die Beſchäftigung mit den Sprachen die Mittel gibt, in keiner Weiſe in Abrede ſtellen; dennoch müſſen wir auch dieſem an Bildungs⸗ elementen ſo reichen Lehrſtoffe die Befähigung abſprechen, ſich für alle Zwecke der Gymnaſialbildung aus⸗ reichend zu erweiſen.Der Endzweck des Gymnaſiums, ſagt einer unſerer Gegner, iſt Bildung, d. h. eine

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