Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht an Gymnasien / von Gies
Entstehung
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Literatur ſich in genügendem Maße zu verſchaffen vermocht. Im Weſentlichen ſind es nur die Erfahrungen und Anſichten, welche ſich mir aus einer vieljährigen Lehrthätigkeit in dieſem Gegenſtande ergeben haben, die ich hier unter zwei Geſichtspunkten zuſammenzuſtellen beabſichtige. Die neueſten Reformvorſchläge für den Gymnaſialunterricht ſtimmen im Allgemeinen darin überein, daß ſie nach einer Vereinfachung und Con⸗- centration desſelben ſtreben. Die meiſten dieſer Entwürfe und Vorſchläge haben indeß nicht eine innere Con centration und Vereinfachung auf dem Gebiete zum Ziel, wo dieſelbe vorzugsweiſe noch möglich und wün ſchenswerth iſt, ſondern möchten einzelne Disciplinen ganz ausſcheiden oder ſo herabdrücken, daß ihnen neben dem Unterricht in den Sprachen kaum noch eine Schattenexiſtenz übrig bliebe. Dieſen Beſtrebungen gegen⸗ über will ich es verſuchen zur Förderung richtigerer Anſichten den Werth und die Bedeutung des natur⸗ wiſſenſchaftlichen Unterrichts für die Gymnaſien nachzuweiſen und die Nothwendigkeit deſſelben ſowohl für die Erzielung einer möglichſt harmoniſchen Ausbildung, als insbeſondere anch für den künftigen Beruf der überwiegenden Mehrzahl der Gymnaſialſchüler zu begründen.

Die Unterſchätzung der Naturkunde als formalen Bildungsmittels geht indeß nicht bloß aus unge⸗ nügender Kenntniß dieſes Lehrgegenſtandes hervor; ſie liegt zum großen Theil auch in dem wenig befrie⸗ digenden Erfolge begründet, der in demſelben bis jetzt im Allgemeinen an den Gymnaſien erreicht worden iſt. Die Urſache dieſer ungenügenden Reſultate ſcheinen mir die Unzulänglichkeit der Lehrkräfte, Mittel und Zeit und die nahe liegenden Mißgriffe einer noch im erſten Stadium ihrer Entwicklung ſtehenden Methode zu ſein. Dieſe Ueberzeugung hat die Veranlaſſung zum zweiten Abſchnitte dieſer Abhandlung gegeben, in welchem ich meine Anſichten über die allgemeinen Einrichtungen und die Lehrmethode, welche dem Zwecke des naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts an Gymnaſien entſprechen, zu nachſichtiger Beurtheilung mittheilen will. Dieſe Anſichten dürften wenigſtens das für ſich haben, daß ſie aus eigner vieljähriger Erfahrung hervor⸗ gegangen ſind.

I. Ueber die Uothwendigkeit des naturwiſſenſchaſtlichen Unterrichts an Gymnaſien.

Die Gründe, welche für die Einſchränkung oder Beſeitigung des Unterrichts in der Naturkunde im weitern Sinne dieſes Wortes geltend gemacht werden, ſtützen ſich entweder auf die Anſicht, daß dieſer Lehr⸗ gegenſtand keinen beachtenswerthen Beitrag zur Förderung der formalen Bildungszwecke der Gymnaſien zu bieten vermöge, oder ſie gehen aus der Annahme hervor, daß die klaſſiſchen Studien durch die Beſchäftigung der Schüler mit den Naturwiſſenſchaften eine in jeder Weiſe unzuläſſige Einbuße erlitten. Eine gänzliche Verkennung des Werthes, welchen die Beſchäftigung mit den Naturwiſſenſchaften für die Förderung der geiſtigen Bildung haben muß, kann nur die Folge einer mangelnden oder doch ſehr oberflächlichen Kenntniß des Wrſens dieſer Wiſſenſchaften ſein. Diejenigen, welche eine ſolche Meinung hegen, vermögen ſich wohl unter dieſen Erfahrungswiſſenſchaften kaum etwas Anderes vorzuſtellen, als eine Sammlung von allerlei, aus zufälligen Wahrnehmungen und glücklichen Experimenten hervorgegangenen Reſultaten, eine Zuſammen⸗ ſtellung von gedächtnißmäßig einzuprägenden Merkmalen der Naturgegenſtände, welches Alles für die ver⸗ ſchiedenen Zwecke des gemeinen Lebens wohl von Nutzen ſein könne, aber keinen Bildungsſtoff abzugeben vermöge, der ſich mit den Ergebniſſen reiner menſchlicher Spekulation und Imagination auf gleiche Linie ſtellen dürfe. Gegen Vorurtheile, welche aus einer ſolchen Quelle entſpringen, darf man ſich wohl kaum verſprechen, in dem engen Raume eines Schulprogrammes mit einigem Erfolge ankämpfen zu können; mit