Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht an Gymnasien / von Gies
Entstehung
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Aeber den naturwiſſenſchaftſichen Anterricht an Zymnaſien.

Wahrend die Naturwiſſenſchaften ſich in der neuern Zeit aus immer reichlicher fließenden Quellen zu einem mächtigen und tiefen Strome menſchlicher Erkenntniß entwickelt haben, der auf alle Gebiete unſeres Wiſſens und Könnens anregend und befruchtend überzugreifen und den Charakter der modernen Bildung weſentlich zu beſtimmen beginnt, haben ſich dieſelben als Unterrichtsgegenſtand an Gymnaſien nur ſelten eine Stellung zu erringen vermocht, die ihnen den gebührenden Antheil an der Bildung der Schüler dieſer Anſtalten gewähren könnte. Nach den bisherigen Erfahrungen konnte man ſich indeß noch immer der Hoffnung hingeben, daß der naturgemäße Gang der Fortbildung menſchlicher Einrichtungen auch in Be⸗ ziehung auf dieſen Unterrichtsgegenſtand die Erfüllung billiger Wünſche in mehr und mehr genügendem Maße mit ſich bringen werde, daß die allgemeinere Verbreitung naturwiſſenſchaftlicher Bildung und das ſtetig wachſende Gewicht der Gründe der löblichen Vorliebe für das Alte doch auch die nöthigen Zugeſtänd⸗ niſſe an das Zeitgemäße zu entlocken vermöchten. Die jüngſte Zeit hat jedoch wieder in Zeitſchriften und Gymnaſiallehrer-Verſammlungen Anſichten und Vorſchläge zu Tage gefördert und zur Geltung gebracht, welche immer noch keineswegs von einer richtigen Einſicht in die Bedeutung dieſes Lehrgegenſtandes Zeugniß ablegen und diejenigen, nach deren Ueberzeugung ein gründlicher Unterricht in den Naturwiſſenſchaften gegen⸗ wärtig ein dringendes Bedürfniß iſt, um ſo mehr mit Sorge erfüllen müſſen, als leider hierdurch ſchon in dem Staate, deſſen Schulweſen als muſtergültig betrachtet zu werden pflegt, beſchränkende Abänderungen herbeigeführt worden ſind, denen ähnliche in einem andern deutſchen Großſtaate nachfolgen zu wollen ſcheinen. Wohl kann die Ueberzeugung einige Beruhigung gewähren, daß Unzeitgemäßes von keiner Dauer ſein kann, da der Gang unſerer Entwicklung im Großen und Ganzen von einer höheren Hand vorgezeichnet wird, den menſchliche Theorien nicht mit dauerndem Erfolge zu ſtören vermögen. Immerhin iſt aber doch auch in dem göttlichen Erziehungsplane die Einſicht und der gute Wille der Menſchen miteingerechnet; dies möge den Lehrern der Naturwiſſenſchaften an Gymnaſien zur Aufforderung dienen, aus Liebe und Treue für ihren Beruf nach Kräften zur Abwehr und Abwendung ſolcher Angriffe und Rückſchritte beizutragen. Wir dürfen in der Erfüllung dieſer Pflicht um ſo weniger ſaumſelig ſein, als wir uns gegenüber den in der Dialektik wohl geübten Gegnern an Zahl und Einfluß in einem ungünſtigen Verhältniſſe befinden. Solche Er⸗ wägungen haben denn auch zu der nachfolgenden Abhandlung die nächſte Veranlaſſung gegeben.

Es liegt indeß nicht im Plane dieſer kleinen Abhandlung, alle die einzelnen Meinungen und Anſichten, welche gegen den naturwiſſenſchaftlichen Unterricht an Gymnaſien überhaupt oder gegen deſſen Gleichberech⸗ tigung mit andern Lehrgegenſtänden ausgeſprochen worden ſind, zu widerlegen; auch ſtrebt dieſelbe nicht nach einer allſeitigen Erſchöpfung dieſes wichtigen Gegenſtandes nach ſeiner poſitiven Seite hin. Für dieſe Zwecke iſt weder der Raum eines Schulprogrammes ausreichend, noch hätte der Verfaſſer die dahin einſchlagende

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