Joannes a Jesu Maria,
Seine Lebensgeschichte.
Zu denjenigen Gebieten der christlichen Kirchengeschichte, welche von protestantischer Seite noch viel zu wenig bearbeitet sind, gehört ohne Zweifel die Geschichte der Mystik und der Mystiker in der katholischen Kirche aus der Zeit nach der Reformation, be- sonders aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Zwar hat Heinrich Heppe in seinem vortrefflichen Werke„Geschichte der quietistischen Mystik in der katholischen Kirche“ eine reiche Fülle des hierher gehörigen Stoffes gesammelt und verarbeitet, allein er wollte ja eben nur die Geschichte der quietistischen Mystik behandeln, und so konnte er auf die Geschichte der nicht-quietistischen Mystik und Mystiker nur in äufserst beschränktem Maſse eingehen.
Und doch bietet auch diese noch des Interessanten genug. Es giebt noch genug Vertreter der alten— nicht-quietistischen— Mystik aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die bei protestantischen und katholischen Theologen kaum mehr dem Namen nach bekannt sind, die aber durch ihr tief religiöses Leben sowohl als auch durch ihre theologischen Systeme es verdienen, der Vergessen- heit entrissen zu werden, zumal da sie bei ihren Zeitgenossen in groſsem Ansehen gestanden haben und nicht ohne Einfluſs auf die Entwickelung ihrer Kirche gewesen sind.
Zu diesen wenig bekannten und doch nennenswerthen Vertretern der alten Mystik aus der Zeit nach der Reformation gehört auch der unbeschuhte Karmeliter Joannes a Jesu Maria.
§ 1. JIugendzeit des Joannes a Jesu Maria bis zu seinem Eintritt in das Kloster. Joannes aà Jesu Maria“) ist geboren am 27. Januar 1564 zu Calahorra**) unweit des Ebro in Altkastilien. Er wurde noch an dem Tage seiner Geburt durch die heilige Taufe, welche in der dortigen Kathedralkirche an ihm vollzogen wurde, in die Gemeinschaft der christ- lichen Kirche aufgenommen.
*) Hauptquelle für seine Lebensgeschichte ist seine Biographie von Fr. Isidorus a S. Joseph aus Belgien, Generalprokurator der Kongregation S. Eliae der unbeschuhten Karmeliter. Diese Schrift befindet sich in„R. P. F. Joannis a Jesu Maria, Carmelitae Discalceati, Calaguritani, Opera omnia, quatuor tomis dis- tributa“(Coloniae Agrippinae 1650), Tom. IV. pag. 397— 448.
**) Sowohl der Biograph Isidorus a S. Joseph als auch der Schreiber der Panegyris, die sich am Anfang des Tom. I der Werke des Joannes a Jesu Maria befindet, behaupten, dals der Geburtsort desselben identisch
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