Aufsatz 
Lenau als Naturdichter
Entstehung
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Ich ſah in bleicher Silbertracht Die Birkenſtämme prangen, Als wäre dran aus heller Nacht Das Mondlicht blieben hangen.

Der Vergleich iſt ſo ſchön, daß ſeine Wirkung auf unſere Phantaſie immer dieſelbe bleibt; wir mögen die Strophe noch ſo oft leſen, das Bild wird immer von neuem reproducirt. Die nemliche Meiſterſchaft bekundet Lenau auch dann, wenn er den Mondſchein ſelbſt malt, deſſen Zauber auf unſer Gemüt keiner unſerer Dichter, außer etwa Goethe, ſo wirkſam geſchildert hat. Wie poetiſch läßt Lenau in einem ſeiner Haidebilder, einem dramatiſchen Dialog, Robert zum Invaliden ſagen:

Wenn hell zu Sternen Sterne ſich geſellen, Und unſre Hunde auf zum Monde bellen, Weil ſich der ſtille, blaſſe, ſchleicht heran, Als wollt' er diebiſch unſ'rer Hütte nah'n Und uns mit ſeinen leiſen Silberhänden Den leichten Schlaf durch's Fenſterlein entwenden.

Die Verſe klingen, als wenn ſie Shakſpeare'sSommernachtstraum entlehnt wären.

Wir denken unwillkürlich an das traurige Los des Dichters ſelbſt, wenn er in derWald⸗ kapelle einen Irren ſchildert,die Augen, wild bewegt und ohne Raſt, Irrlichter, in der Nacht des Wahnſinns ſchweifend, und dann ſogar das Mondlicht ſcheu vor ihm fliehen läßt:

Wie ſchwach iſt ſchon der Eiche fahles Laub! Den leichten Mondſtrahl kann es nicht mehr tragen, Es bricht und zittert unter ihm in Staub,

Und läßt die kahlen Aeſte traurig ragen.

Da ſteht der Irre, bleich und ſtumm, den Blick, Das bittre Lächeln auf den Mond gerichtet;

Es prallt das Mondlicht ſcheu vor ihm zurück, Und ſcheu der Wind an ihm vorüberflüchtet.

So leiht der Dichter auch dem Mondlicht menſchliche Empfindung, wie er in dem Gedicht Vergänglichkeit die ſchöne Sommernachtmondbeſeelt nennt. Der Mond dient Lenau ſogar einmal als Folie für ein Gedicht, das, was ſo ſelten bei ihm, von echtem Humor durchzogen iſt: Hypochonders Mondlied.

Hieran ſchließen wir gleichdas Poſthorn, ein Gedicht, welches zu dem eben genannten in ſcharfem Contraſt ſteht. Der Dichter iſt fern von der Heimat, aber das Glück hat er nicht ge⸗ funden vielmehr erwacht bei jedem Klange des Poſthorns das Heimweh in ſeiner Bruſt. Nur der ruheloſe Bach und der bleiche Mond begrüßen ihn in ſeiner traurigen Einſamkeit, als er, nachdem das Poſthorn verklungen iſt, aller ſeiner Lieben daheim gedenkt und durch ihre Gräber auch an ſeinen Tod erinnert wird. Das Gedicht ſchließt mit einer Diſſonanz zu einer inneren Verſöhnung mit ſeinem Leide vermag der Dichter ſich nicht zu erheben. Goethe vermochte es in ſeinem wunderbaren Liedean den Mond, worin er ſingt:

Löſeſt endlich auch einmal Meine Seele ganz.

Ihm ſtrömt vom Monde herab ein reiner Himmelsſegen, ſüßer Friede kommt in ſein Herz, das zwar um verlorenes Glück noch trauert, aber doch Troſt findet in der Erinnerung an den einſtigen Beſitz und am Buſen der Natur völlige Geneſung ſucht.