Aufsatz 
Lenau als Naturdichter
Entstehung
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21.

Allerdings läßt ſich nicht leugnen, daß dieſe Herbſtlieder auf die Dauer etwas eintönig klingen, weil der Dichter ſich nie am Schluß zu der Hoffnung auf einen künftigen Frühling aufrichtet. Die ſchönſte dieſer Naturelegien, in welcher die Pracht der Bilder die Trauer um die Vergänglichkeit der Natur überwuchert, iſt die folgende:

Der Buchenwald iſt herbſtlich ſchon geröthet, So wie ein Kranker, der ſich neigt zum Sterben, Wenn flüchtig noch ſich ſeine Wangen färben; Doch Roſen ſind's, wobei kein Lied mehr flötet.

Das Bächlein zieht und rieſelt, kaum zu hören, Das Thal hinab, und ſeine Wellen gleiten,

Wie durch das Sterbgemach die Freunde ſchreiten, Den letzten Traum des Lebens nicht zu ſtören. ¹) Ein trüber Wandrer findet hier Genoſſen,

Es iſt Natur, der auch die Freuden ſchwanden, Mit ſeiner ganzen Schwermut einverſtanden, Er iſt in ihre Klagen eingeſchloſſen.

Verwandt mit Lenau's Herbſtliedern ſind ſeine berühmtenSchilflieder, in welchen, um mit Gottſchall²) zu reden,Lenau uns»an das öde Schilfgeſtade« verſetzt, wo das Rohr im Winde »bebt.« Er läßt bald den Abendſtern durch die Binſen und Weiden ſcheinen, bald die Stürme den Teich aufwühlen, die Blitze ihn durchleuchten, bald den Mond ſeine»bleichen Roſen« in den grünen Kranz des Schilfes flechten. So beſeelt er die Natur und macht ſie zum Spiegel des Gemütes. Das Schilfgeſtade iſt hier die melancholiſche Stätte, wie der melancholiſche Grund des Gemütes; und wie über jene die wechſelnden Bilder und Beleuchtungen hinfliehen, ſo nimmt auch die Melan⸗ cholie des Dichters bald einen ſanfteren, bald einen bewegteren, wilden Charakter an.

Auch eine kalteWinternacht malt Lenau meiſterhaft, die ganze Natur harmonirt mit ſeiner zu wilden Klagen erwachenden Serlenſinumung. Es überrieſelt uns der ganze winterliche Schauer, wenn wir die Strophe leſen:

Dort heult im tiefen Waldesraum Ein Wolf; wie's Kind aufweckt die Mutter, Schreit er die Nacht aus ihrem Traum Und heiſcht von ihr ſein blutig Futter.

Hieran mag ſich gleich als verwandt das folgende, dernächtlichen Fahrt entnommene Bild reihen:

Es glänzt der Eichenwald in Eiſesklammern, Jetzt Wölfe heulen am verſchneiten Grunde, Wie Bettler, hungerwach, in nächt'ger Stunde Am Grabe eines milden Königs jammern.

Wie der Dichter mit wenigen Verſen uns das gräßliche Heulen der Wölfe vor die Seele zaubert, ſo vermag er anderwärts mit magiſcher Schnelligkeit liebliche Naturbilder in unſerer Phan⸗ taſie erſtehen zu laſſen. Gleich die erſte Strophe des ſonſt an manchen Mängeln leidenden Gedichts Meiſe⸗ Empfindühh mag als Beleg dienen.

1In dieſen ſchönen Vergleichungen iſt nicht nur das tertium comparationis durch ſeine ſinnliche Wahrheit einleuchtend, ſondern die Bilder Vauhet ſelbſt jene melancholiſche Stimmung aus, welche die Einheit des ganzen Ge⸗ dichtes iſt. Gottſchall, Poetik. I. S. 185.

²) Gortſchall, Poetik. I. S. b0.