Aufsatz 
Lenau als Naturdichter
Entstehung
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13.

Im warmen Schein; der Frühling klimmt verwegen Zum Schneeberg auf und ruft ihn jubelnd wach: Der ſchüttelt ſich den Winter ab, den trägen,

Und ſchleudert ihm Lawinendonner nach.

Das letzte der Frühlingslieder iſtFrühlings Tod betitelt und lieſt ſich faſt ſo ſchwer⸗ mütig wie Lenau's Herbſtlieder. Indeſſen klingt dieſes Gedicht doch noch verſöhnend aus, denn der Lenz, von dem heißen Sonnenpfeil durchbohrt, ſtirbtlächelnd, ſein Herzblut ſtill verſtrömend, ſeine Roſen. Wie ſchon den Alten die Nachtigal zu klagen ſchien, und menſchliche Wehklage mit ihrem Geſange verglichen wurde, ¹) ſo läßt Lenau an des Lenzes grünem Sterbepfühl ſein liebſtes Kind, Philomele, weinen. Der Nachtigal, die der Dichter ſo ſehr geliebt hat, gleicht auch ſeine Muſe: ein elegiſcher Grundton durchzieht faſt alle ſeine Lieder. Wie aus dem Geſange der Nachti⸗ gal ſehnſuchtsvolle Klage tönt, die nur der ſchmelzende Klang momentan überhören läßt, ſo ſcheucht auch, wenn wir Lenau's Lieder leſen, die vollendete Form und der Reichthum an prächtigen Bildern oft die tiefe Trauer von uns, welche des Dichters Herz erfüllt. Lenau hat die Nachtigal oft be⸗ ſungen, beſonders in dem GedichtDie Heidelberger Ruine, worin er ihr ſogar menſchliche Empfindung beilegt:

Wohl verſtehſt du die Ruine,. 8 Und du klagſt es tief und laut, Daß durch all die Blüten ſchaut Eine kalte Todesmiene. ²)

Uhlands Muſe dagegen ährnelt der ſangesfrohen Lerche, die ſich jubelnd in die Lüfte erhebt. Uhlands ganze Anſchauung der Natur gleicht dem Liede der Lerche. Wie Lerchenjubel klingt ſein Frühlingsglaube:Nun muß ſich alles, alles wenden, und ſeinFrühlingstroſt:

Was zagſt du, Herz, in ſolchen Tagen,

Wo ſelbſt die Dorne Roſen tragen? Uhland hat die Lerche oft gefeiert, beſonders in ſeinemLerchenkrieg, und wir glauben es dem Dichter auf's Wort, wenn er in einem andern Gedicht mit Bezug auf die Lerchen ſingt:

Manche ſchwingt ſich himmelan,

Jauchzend auf der lichten Bahn,

Eine, voll von Liedesluſt,

Flattert hier in meiner Bruſt.

Nicht ſo Lenau, der in ſeinenHerbſtliedern eine ganze Fülle von Weh ausſtrömen läßt. Er trauert mit der Natur ſo ſympathiſch, daß er ſich völlig eins mit ihr fühlt. Der Herbſt gemahnt ihn an den Tod, der Dichter hört

Sterbeſeufzer der Natur Schauern durch die welken Haine und klagt nicht ohne einen Anflug von Ironie: Waldesrauſchen, wunderbar Haſt du mir das Herz getroffen! Treulich bringt ein jedes Jahr Welkes Laub und welkes Hoffen.

¹) Vgl. Hom. Od. XIX. v. 522. Soph. Aiax v. 617.

²) Lenau gibt der Nachtigal den Vorzug vor der Lerche, wenn er ſingt: Ihr weckt den ſüßern Liederſchall, Der Liebe Frühlingsoffenbarung.