Aufsatz 
Lenau als Naturdichter
Entstehung
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zu ſein, wenn ſie bloß geahnt wird? Und iſt ein Gebilde kein Kunſtwerk, weil es uns dieſe Idee nur ahnen läßt? Soll nicht vielmehr die Kunſt die Idee des Schönen auf die ganze Scala unſerer Vorſtellungen, von der dunkelſten hinauf bis zur klarſten, wirken laſſen, und ſo den ganzen Menſchen durchdringen? Pfui der ſtumpfen Naturen, die von einer Blume nicht ergriffen werden können! Der Ochs denkt ſich beim Anblick einer Blume allerdings nichts, als daß er ſie freſſen könne; aber die Blume blüht nicht nur für das Geſchlecht der Rinder.

Die Blumenmalerei iſt nach meiner Anſicht ein Zweig der Porträtmalerei. Jedes menſchliche Antlitz hat wohl ſein eigenes Ideal; es erſcheint im gewöhnlichen Zuſtande unter dieſem Ideal; Krankheiten der Seele und des Leibes haben es unter ſein Ideal herabgedrückt; aber glückliche Momente edler Empfindungen oder der Begeiſterung können das Menſchenantlitz in ſein eigenes Ideal gleichſam hineinheben. Was den Porträt⸗ maler zum Künſtler macht, iſt, daß er das Ideal eines Geſichtes erkenne und im Bilde feſthalte. Mir ſcheint, mit der Blumenmalerei verhält es ſich auf ähnliche Weiſe. Die von der Natur gegebene Blume ſteht meiſtens unter ihrem Ideal, ſie kann aber dazu erhoben werden durch eine gewiſſe Veränderung ihrer Stellung, der Lage ihrer Blätter u. ſ. w. Das aber macht dieſe Malerei zur Kunſt. Eine ſchöne Blume iſt ein ſchönes Individuum, das uns begrüßt, blüht, verſchwindet und nie wiederkommt. Es b iſt werth, daß auf ſeiner ſinnigen Geſtalt ein ſinniges Auge verweile, eine geweihte Hand ſie nachbilde und erhalte. Wollten Sie aber auch die einzelnen Blumen nicht

als Individuum beachten und lieben, wohlan! betrachten Sie dieſelben als freundliche Grüße des Frühlings, als Grüße, die ihm recht von Herzen gehen. Bewahren wir nicht die Herzensgrüße, die uns ein lieber Freund geſchrieben, für künftige Tage, wenn dieſer Freund nicht mehr ſein wird?

Endlich hat Schurz aus der Haller Literaturzeitung(II. 1834. S. 294) eine von Lenau verfaßte Beurtheilung der LiederprobenLyra und Harfe von Georg Keil veröffentlicht. Dieſe Recenſion lautet in ihrer Einleitung, die allein für uns von Intereſſe ſein kann:

Der Verfaſſer dieſer Gedichte gehört wenigſtens ſeinem poetiſchen Charakter nach offenbar einer älteren Aera unſerer Literatur. Das beweiſen diejenigen ſeiner Lieder am augenfälligſten, in welchen er ſich als Naturdichter zeigt. Dieß beweiſt auch die auffallende Erſcheinung, daß ihm die Ironie, das Charakteriſtiſche unſerer Zeit, völlig fremd geblieben iſt. Die Naturpoeſie unſerer Dichter des vorigen Jahrhunderts beſteht wohl größtentheils darin, daß ſie entweder eine Reihe von Naturerſcheinungen aufzählen, welche weder durch Empfindung noch durch Situation in jenen lebendigen Verband ge⸗ bracht ſind, oder ſie ziehen eine Parallele zwiſchen irgend einer Erſcheinung aus der Natur. Aber weder jene ſterile Enumeration, noch dieſer bloß verſtändige Parallelismus dürfte, ſtreng genommen, künſtleriſche Darſtellung zu nennen ſein. Die wahre Natur⸗ poeſie muß unſeres Bedünkens die Natur und das Menſchenleben in einen innigen Conflikt bringen und aus dieſem Conflikt ein Drittes, Organiſchlebendiges reſul⸗ tiren laſſen, welches ein Symbol darſtelle jener höheren geiſtigen Einheit, worunter Natur und Menſchenleben begriffen ſind. Dieſe Geſtaltung der Naturpoeſie ſcheint unſerer Zeit vorbehalten und auf eine merkwürdige Weiſe mit der charakteriſtiſchen

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