Aufsatz 
Lenau als Naturdichter
Entstehung
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Frühling und Herbſt, Sommer und Winter ſpiegeln ſich in Goethe's Liedern mit ihren Blüten und fallenden Blättern, mit ihren Gluten und Stürmen, aber niemals wird dieſes Natur⸗ gefühl zu einer in den Vordergrund tretenden Schilderung, zur Naturmalerei, eben nur das Früh⸗ lings- und Herbſtgefühl ſpricht ſich aus, nur der Hintergrund iſt Winter und Sommer, Herbſt und Frühling. Das Ganze des Gedichts iſt angehaucht von dem Blütendufte des Mais und dem ſtillen Abendglanz des Sommers, von der klaren Friſche des Herbſtes, von dem Regen⸗ und Schneeſturm des Winters. ¹) Das Verhältnis des Menſchen zur Natur hat kein Dichter ſchöner und tiefer geſchildert als Goethe in ſeinem unvergleichlichen Fauſtmonolog:

Erhab'ner Geiſt, du gabſt mir, gabſt mir alles, Warum ich bat! Du haſt mir nicht umſonſt Dein Angeſicht im Feuer zugewendet. Gabſt mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft ſie zu fühlen, zu genießen. Nicht Kalt ſtaunenden Beſuch erlaubſt du nur, Vergönnteſt mir in ihre tiefe Bruſt, Wie in den Buſen eines Freunds zu ſchauen. Du führſt die Reihe der Lebendigen Vor mir vorbei und lehrſt mich meine Brüder Im ſtillen Buſch, in Luft und Waſſer kennen. Und wenn der Sturm im Walde brauſt und knarrt, Die Rieſenfichte ſtürzend Nachbaräſte Und Nachbarſtämme quetſchend niederſtreift, Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert; Dann führſt Du mich zur ſichern Höhle, zeigſt Mich dann mir ſelbſt und meiner eignen Bruſt Geheime tiefe Wunden öffnen ſich.

Von Schiller können nur einige Gedichte hier in Betracht kommen, wie derSpaziergang unddie Glocke: die wandelloſe Harmonie der Natur iſt es, welche den Dichter über die Diſſo⸗ nanz des menſchlichen Lebens erhebt und tröſtet. In ſeinem Kosmos hat Alexander von Humboldt auf die großartigen Naturſchilderungen in der Hebräiſchen Poeſie hingewieſen und beſonders den 104. Pſalm, in welchem das Bild des ganzen Kosmos dargelegt ſei, und das 37. Capitel des Buches Hiob als hochpoetiſche Naturpoeſie hervorgehoben; auch über des Columbus und Camoen's Schilderungen der Natur ſpricht er ſich ſehr geiſtvoll aus. Von Jean Paul würde vorzugsweiſe derTitan zu berückſichtigen ſein. Selbſtverſtändlich würden, ganz abgeſehen von Shakſpeare, Burns, Byron, Victor Hugo, Lamartine und Alfred de Muſſet reiche Ausbeute gewähren.

Goethe führt uns unmittelbar zu den neueren modernen Dichtern wie Heine, Matthiſſon, Hebel, Hölderlin, Uhland, Rückert, Freiligrath, Wilh. Müller, Anaſtaſius Grün, Lenau, Geibel, Mörike, K. Mayer u. A.

Die öſterreichiſchen Dichter haben ſich von jeher durch ein lebhaftes Naturgefühl, eine tiefe dichteriſche Anſchauung und eine bilderreiche Diction ausgezeichnet. Mit Lenau können wir Anaſtaſius Grün und Friedrich Halm ungefähr auf gleiche Stufe ſtellen. Während jedoch der erſtere mehr politiſcher und epiſcher als rein lyriſcher Dichter iſt ſeine Lyrik iſt namentlich in ſeiner großartigen elegiſchen KompoſitionSchutt reflectirend hat der andere ſeine Ruhmeskränze als Dramatiker

¹) Vilmar, Literaturgeſchichte S. 449 und 450.