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Und es erglänzet der Sonne Gewalt auf unendlicher Erde Lieblich, und nichts fortan iſt von Gewölke zu ſehn;— So auch waltet die Rache des Zeus, nicht Jeglichem iſt er, So wie ein ſterblicher Mann eilig zum Zorne gereizt.“
Auch der Idyllendichter Theokrit, den Joh. Heinr. Voß ſich mit Glück zum Vorbild nahm und den Hebel noch übertroffen hat, beſchreibt am Schluß des 6. Idylls(Daphnis und Damötas) ſehr anmutig, wie Hirten flöten und ihre Herde graſen laſſen. Sein Talent als Naturdichter glänzt aber im 7. Idyll(das Erntefeſt, von Heinſius„omnium eclogarum regina“ genannt) in noch viel lieblicheren Farben. Theokrit ſchildert beſonders von v. 131 ff. voll Herzlichkeit den Naturgenuß, deſſen er ſich erfreute, als er einen fröhlichen Tag in ſeiner Heimat Kos verlebte. Jeder, der Horaz einigermaßen kennt, wird ſofort an die humoriſtiſche Schilderung denken, welche der römiſche Dichter von einem mit ſeinem Gönner Mäcenas nach Brundiſium unternommenen Ausfluge(Sat. I. 5) entworfen hat.
Noch andere Belegſtellen aus römiſchen Poeten, wie aus Lucrez und Tibull, zu citiren, würde ſchließlich zu weit führen. Ich möchte nur noch an die heilige Scheu erinnern, mit welcher die Alten ihre Wälder ſchonten und die Art beſonders fern hielten von einem vom Blitz getroffenen Hain (Enelyſion).¹) Selbſt der despotiſche Perſerkönig Kerxes offenbarte ein ganz modernes Naturgefühl, als er, auf ſeinem großen Zuge gegen Griechenland, auf dem Marſche nach Sardes, einen pracht⸗ vollen Platanenbaum fand, welchen er ſeiner Schönheit wegen mit einem goldenen Schmuck beſchenkte und einen eigenen Wächter darüber ſetzte„auf ewige Zeiten“(!) Dieß that derſelbe Nerxes, welcher den Hellespont geißeln und die Baumeiſter enthaupten ließ, als ein heftiger Sturm die Brücken zertrümmert hatte. Und dieſer despotiſche Barbar, der in ohnmächtigem Grimm ſich gegen die Naturgewalten auflehnt, erſcheint wieder wie ein ſentimaler moderner Poet, als er, bei der Muſte⸗ rung über ſein ungeheueres Heer weint, weil in hundert Jahren keiner von allen mehr am Leben ſein werde.—
Wir würden die Grenzen des geſtellten Themas weit überſchreiten, wenn wir nachzuweiſen verſuchen wollten, wie das Naturgefühl, von den rein epiſchen, objectiven Schilderungen Homers be⸗ ginnend ſich allmählich immer mehr vertiefte, und wie ſchon ſeit Klopſtock, Hölty und vor allen aber ſeit Goethe ein völliger Umſchwung darin ſtattfand. Während wir nemlich, von einzelnen Liedern der Minneſänger, beſonders Walthers von der Vogelweide, von vereinzelten Schilderungen im „Gudrunliede“(„wie Horand ſang“ und einzelne Seebilder) und im„Alexanderliede“ Lamprechts (der indiſche Wunderwald), von homeriſchen Nachahmungen im„Trojaner⸗Krieg“ Konrads von Würzburg und von der poetiſchen Beſchreibung der Minnegrotte in Gottfrieds von Straßburg „Triſtan und Iſolde“ abgeſehen, in unſern mittelhochdeutſchen Dichtern nur wenig charakteriſtiſche Stellen finden, welche von einem tieferen Naturgefühl zeugen; während auch Haller in ſeinen „Alpen“ und Ewald v. Kleiſt in ſeinem„Frühling“ und auch Voß in ſeiner„Luiſe“ und ſeinen Idyllen ſich faſt nur mit bloßen Naturmalereien begnügen, zeigt ſich ſchon bei Klopſtock und Hölty eine ungleich tiefere Empfänglichkeit für die Reize der Natur, bis endlich Goethe, der größte und wahrſte Naturdichter, als ſolcher„ſich unmittelbar neben die größten Dichtergenien aller Völker und aller Zeiten ſtellt.“
¹) Vgl. Lenau's Gedicht„Scheu.“


