Aufsatz 
Lenau als Naturdichter
Entstehung
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Freilich muß es befremden, wie Schiller bemerkt,¹) wenn man ſieht, daß die alten Griechen. trotz der ſchönen Natur, die ſie umgab und mit der ſie doch ſo vertraut lebten, daß auch ihre Dichter⸗ werke ein treuer Abdruck derſelben ſind, nur geringe Spuren von dem ſentimentaliſchen Intereſſe erblicken laſſen, mit welchem wir Modernen an Naturſcenen hangen.Der alte Grieche hängt nicht mit Innigkeit, mit Empfindſamkeit, mit ſüßer Wehmut an der Natur, wie wir Neueren. Nur das Lebendige und Freie, nur Charaktere, Handlungen, Schickſale und Sitten befriedigen ihn.

Der Grund für dieſe Erſcheinung liegt, wie Schiller weiter ausführt, darin, daßdie Natur bei uns aus der Menſchheit verſchwunden iſt, und wir ſie nur außerhalb dieſer, in der unbeſeelten Welt, in ihrer Wahrheit wieder antreffen. Deswegen iſt das Gefühl, womit wir an der Natur hangen, dem Gefühle ſo nahe verwandt, womit wir das entflohene Alter der Kindheit und der kindiſchen Unſchuld beklagen. Unſere Kindheit iſt die einzige unverſtümmelte Natur. Da der Grieche, heißt es weiter, die Natur in der Menſchheit nicht verloren hatte, ſo konnte er außerhalb dieſer auch nicht von ihr überraſcht werden und kein ſo dringendes Bedürfniß nach Gegenſtänden haben, in denen er ſie wieder fand. Die Alten empfanden natürlich, wir empfinden das Natürliche.²)

Wir ſind jedoch damit keineswegs zu dem Schluſſe berechtigt, daß den Alten das Naturgefühl völlig gemangelt habe, im Gegentheil: es gibt ſogar einige ausdrückliche Zeugniſſe, in welchen ſich eine warme Begeiſterung für die Natur ausſpricht. 8

So läßt Plato³) den Sokrates in faſt ſentimentaler Weiſe einen anmutigen Platz ſchildern, auf deſſen ſaftiger Raſenfläche ſich eine hohe ſchattige Platane erhebt, unter deren Wurzeln ein friſcher Quell hervorſprudelt, während in den Wipfeln Cikaden ihr luſtiges Lied ertönen laſſen; und Becker bemerkt dazu: ¹⁴)Es iſt allerdings wahr, daß der griechiſche Geiſt nicht das ſentimentale Verweilen bei der Natur im Allgemeinen, die romantiſche Auffaſſung der Landſchaft kennt; es iſt mir bei keinem Schriftſteller der beßeren Zeit auch nur ein Verſuch vorgekommen, ein landſchaft⸗ liches Bild zu entwerfen, und es ſtimmt dieſes ganz mit der gänzlichen Vernachläſſigung der Landſchafts⸗ malerei, die überhaupt erſt ſpät verſucht wurde und, wie es ſcheint, ſich nie auch nur bis zur Mittelmäßigkeit erhob, überein. Man kann noch weiter gehen: höchſt ſelten ſpricht ſich bei den Griechen die tiefe und warme Empfindung der Reize, welche die belebte Natur bietet, aus, deren Mangel bei uns, wo er ſich findet, immer getadelt oder bemitleidet wird. Ja, es iſt offenbar, daß für das Alterthum die Begeiſterung, mit welcher Plato ſpricht, etwas Auffallendes nnd Ungewöhnliches hatte, daher die Stelle häufig erwähnt wird.

Doch bieten auch die griechiſchen Tragiker und Lyriker verſchiedene Stellen dar, in welchen ein warmes Naturgefühl zum Ausdruck gelangt. So z. B. Soph. Col. 663 ff. der Chor: ¹)

¹) Vgl.Ueber naive u. ſentimentaliſche Dichtung Schillers Werke Bd. XII. S. 159ff. Vgl. beſonders S. 178 181.

²) Man vergleiche hierzu die überaus günſtige Beurtheilung Schillers von Matthiſſons Gedichten, Schillers Werke Bd. XII., S. 364 ff.

³) Phaedr. p. 229.

4) Charikles 2. A. I. S. 92. ff.(Anm. 12 zu Sc. III.)

) Vgl. Soph. Oed. Kol. 16. Ariſtoph. Wolken 1005 ff. Beſonders zahlreiche Stellen, in welchen ſich ein leb⸗ hafteres Naturgefühl ausſpricht, bietet Euripides, derjenige tragiſche Dichter, welcher überhaupt die antike Tragödie dem modernen Drama am meiſten näherte, indem er in das innere Leben des Menſchen eindrang und virkliche, be⸗ ſonders weibliche Charaktere mit dämoniſchen Leidenſchaften(wie Medea) zeichnete. Vgl. Kyklops 1. Chorgeſang, Kykl. 541. 507 f. Med. 825 ff. Herakl. 781. Phön. 801. 644 ff. Troad. 1066 ff. Elektra 726 ff. Jon 82 ff. 117 ſſ.