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Ehe wir jedoch zum eigentlichen Thema übergehen, dürfte es nicht unintereſſant erſcheinen, einige Bemerkungen über das Naturgefühl der Alten im Gegenſatz zu uns Modernen voran⸗ zuſchicken.
Die gemütliche Betrachtung der Natur, das ſubjective Verſenken des Dichters in dieſelbe iſt im allgemeinen erſt durch das Chriſtenthum zur freien Entwickelung und wieder erſt in der modernen Zeit zur höchſten Blüte gelangt. So wenig in der antiken Anſchauung die Malerei ſich zur vollen künſtleriſchen Vollendung entfalten konnte— ſie hat immer etwas Plaſtiſches an ſich— eben ſo wenig konnte ſpeciell die Landſchaftsmalerei, deren allgemeiner Charakter ein lyriſcher iſt, weil ſie ſubjective Stimmungen malt, welche durch die Anſchauung producirt werden, ſich über das Niveau des Dilettantismus erheben. Wenn die Alten auch ein poetiſches Auge für die Schönheit in der Natur beſaßen, ſo diente dieſelbe den Malern doch zunächſt nur als landſchaftliche Staffage und wurde erſt allmählich ausſchließliches Sujet. Und auf das engſte verknüpft mit dem Emporblühen der Landſchaftsmalerei iſt die Entwickelung der Naturpoeſie bei unſeren modernen Dichtern.
Nikolaus Niembſch, Edler von Strehlenau, als Dichter unter dem Namen Nikolaus Lenau bekannt, wurde am 13. Auguſt 1802 zu Cſatad, einem Dorfe bei Temeswar geboren, verlebte jedoch ſeine Kindheit in Ofen, wohin ſich ſein Vater, der kaiſerlicher Beamter war, zurückgezogen hatte. In Ofen, ſpäter in Tokai erhielt Lenau ſeine Vor⸗ bildung für die Univerſität Wien, die er 1819 bezog, um nach einander Philoſophie, Jurisprudenz nnd Medicin zu ſtudiren. 1829 verlor Lenau ſeine innig geliebte Mutter und ging, zur Wiederherſtellung ſeiner angegriffenen Geſund⸗ heit, nach Heidelberg und Schwaben, wo er mit Juſt. Kerner, Schwab, Uhland, K. Mayer, Graf Alexander von Württem⸗ berg u. A. ein freundſchaftliches Band knüpfte. Im Jahre 1832 zog ihn eine unbeſiegbare Sehnſucht nach den Ur⸗ wäldern Amerika's, doch ſchon im folgenden Jahre kehrte der Dichter enttäuſcht zurück. Von nun an lebte er ab⸗ wechſelnd in Wien, Iſchl und Stuttgart. Nachdem er 1844 mit einer jungen Dame aus Frankfurt a. M., die er in Baden⸗ Baden kennen gelernt, ſich verlobt hatte, ſchien ein neues Leben für ihn anbrechen zu wollen. Doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Schon am 11. October 1844 zeigten ſich Spuren von Geiſteszerrüttung bei ihm, ſodaß er in die Heilanſtalt Winnenthal bei Stuttgart gebracht werden mußte. Leider war ſein Wahnſinn unheilbar. Im Mai 1837 holte den unglücklichen Dichter ſein Schwager Schurz nach der Heimat ab. Hier ſtarb Lenau in der Irrenanſtalt des Dr. Görgen zu Ober⸗Döbling bei Wien, am 22. Auguſt 1850, in den Armen ſeines Schwagers. Auf dem Gebirgs⸗ friedhof zu Weidling ruht das ſchwer geprüfte Dichterherz von ſeinen Leiden aus; Lenau's Grab ſchmückt ein Denkſtein mit ſeinem Namen und ſein ehernes Bruſtbild.—
Lenau iſt entſchieden ein Dichter, welcher in ſeiner Specialität noch nicht genug gewürdigt worden iſt. Kober⸗ ſtein in ſeinem„Grundriß“ nennt ihn nicht einmal, Vilmar fertigt ihn mit wenigen abſprechenden Worten ab, auch Hillebrand ſpendet ihm mehr Tadel als Lob und ſchreibt ihm mehr Empfindungs⸗Gedanken als reine Empfin⸗ dung zu. In weit höherem Grade wird ihm Lindemann gerecht, wenn er auch vielleicht ſeinen religiöſen Standpunkt zu ſehr betont. Goedekes„Grundriß“ und Gottſchalls„deutſche Nationalliteratur“ konnte ich leider zur Ver⸗ gleichung nicht heranziehen. Dem Urtheil von Heinrich Kurz dagegen kann man von ganzem Herzen beiſtimmen, wenn er Lenau als Naturdichter folgendermaßen charakteriſirt:„Von dem reinſten Gefühl für die Natur durchdrungen, erhebt er ſich oft zum tiefſten Verſtändnis derſelben; er weiß ſie mit einer wahrhaft ſchöpferiſchen Kraft zu beleben und uns da⸗ durch ſelbſt in ihr Verſtändnis zu führen. Wie jedem wahrhaften Dichter iſt ſie ihm ſtets gegenwärtig; daher ſeine Bilder, an denen er einen ſeltenen Reichthum beſitzt, immer aus der lebendigen und reizvollen Natur genommen ſind, deren Erſcheinungen er mit wenigen meiſterhaften Zügen vor die Seele zu zaubern verſteht.“— Mit liebevoller Toleranz und Pietät, doch unparteiiſch hat Schurz, Lenau's Schwager, das Leben des Dichter größtentheils aus ſeinen Briefen zuſammengeſtellt. Was ſonſt noch Emma Niendorf:„Lenau in Schwaben“, K. Mayer und Frankl über Lenau veröffentlichten, hat Schurz wenigſtens der Hauptſache nach in ſeinem biographiſchen Denkmal mit benutzt. Bei Be⸗ ſprechung der„Haideſchenke“ bin ich im ganzen der Darſtellung von Gorgas in Gude:„Erläuterungen deutſcher Dichtungen“ 2. Reihe gefolgt. In Betreff der Orthographie ſind die von den Gymnaſial⸗ und Realſchullehrern in Berlin feſtgeſetzten Regeln zur Anwendung gekommen.


