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ſind es vorzugsweiſe die Nachtſeiten des menſchlichen Lebens, welchen Lenau ſeine Stoffe entlehnt. Liegt doch das Leben ſelbſt wie ein ungelöſtes Räthſel vor ihm, und das Glück iſt ihm nur„ein räthſelhaft geborener und, kaum gegrüßt, verlorener, unwiederholter Augenblick.“ Darum iſt ihm die Nacht dem Weh ſo verwandt und ein Bild des Todes, darum ſpricht ſich in ſo vielen ſeiner
Lieder geradezu ein Sehnen nach dem Tode aus. Wenn nun ſchon die Romantiker eine unbefriedigte Sehnſucht nach der entſchwundenen Herr⸗
lichkeit des Mittelalters erfüllte, wenn Heine's Poeſie in einem ironiſirenden Nihilismus gipfelt, ſo kann Lenau als der Dichter des Zweifels und Weltſchmerzes gelten, wie bei den Engländern Lord Byron, welchen Lenau jedoch als Dichter an Tiefe der Empſindung weit überragt. Berthold Auer⸗ bach charakteriſirt Lenau ſehr treffend wie folgt: ¹)
„Lenau war der Dichter der reinen Skepſis. Das Ringen nach abſoluter Wahr⸗ heit iſt nirgends mächtiger herausgetreten als in Lenau.— Er war der Dichter der edelſten und erhabenſten Melancholie, des ſtets ſich erneuernden Bewußtſeins, daß der Weltzuſammenhang und das Menſchenthum ſich in ſeiner Ganzheit nicht faſſen, halten und geſtalten läßt. Wie die Naturwiſſenſchaft immer weiter vordringt in vordem dunkle Gebiete und die Grenze der Erkenntniß immer weiter hinausſteckt, ſo kann auch der dichteriſch vorahnende Geiſt, getragen von den Schwingen der Phantaſie, in ſich ſelbſt ruhend, ſein ſelbſt gewiß, ſich über die gewohnte Grenze hinauswagen, und erleuchtet von dem Lichte, das aus ihm kommt, dem duntkeln Räthſel ins Antlitz ſchauen und
uns ſeine Geſtalt künden. Das wird dann ein prophetiſches Schauen, deſſen Wirklich⸗ keit die Wiſſenſchaft oft erſt viel ſpäter und langſamer im Bereiche der Wahrnehmung erkennt. Ein Geiſt, der ſich an der Grenze der Erkenntniß weder mit dem hergebrachten Glauben noch mit der Reſignation, dem ſtillen Fügen in die einmal geſötzte Noth⸗ wendigkeit genügen kann, wird es immer wieder wagen, erobernd vorzudringen, und der Schmerz über das Unerreichte rührt zu den edelſten Klagen.“
Daß in vielen Liedern Lenau's ſich ein krankhafter Zug findet, darf nicht befremden. Sollten wir nicht inniges Mitleid mit dem unglücklichen Dichter haben, der, für alles Schöne und Edle empfänglich, in ſeinem Glauben erſchüttert wurde, als er das Böſe ſo oft im Leben über das Gute triumphiren ſah? Freilich fehlt ſeiner Klage nicht ſelten die verſöhnende Wirkung auf unſer Gemüt; denn es gelang dem Dichter nicht immer, ſeinen Schmerz poetiſch zu geſtalten, worin Goethe ſo groß und einzig daſteht. Trotz alledem zählt Lenau doch zu unſeren erſten lyriſchen Dichtern, und dieß hat er vorzugsweiſe ſeiner warmen Hingabe an die Natur zu verdanken, die er ſo poetiſch zu beleben verſteht, daß die prachtvollen Bilder uns ſogar die Diſſonanz mancher Gedichte vergeſſen laſſen. Lenau's eigentliche Domäne iſt eben die Lyrik: anch in ſeinen erzählenden und epiſchen Dichtungen tritt das lyriſche Element, die Subjectivität des Dichters, deutlich genug hervor und ſelbſt in ſeinem dramatiſirten„Fauſt“ zeigt ſich faſt nur eine Miſchung von epiſchen und lyriſchen Momenten.
Wenn wir nun in der folgenden Skizze„Lenau als Naturdichter“ ſpecieller zu be⸗ trachten verſuchen, ſo berückſichtigen wir ſelbſtverſtändlich vorzugsweiſe ſeine Lyrik, in welcher die Originalität des Dichters am ſchärfſten hervortritt; doch bieten uns auch ſeine epiſchen Erzählungen, Balladen und Romanzen intereſſante Anknüpfungspunkte. Dagegen ſehen wir von ſeinen größeren epiſchen Dichtungen und ſeinem„Fauſt“ gänzlich ab. d1y) Deutſches Muſeum 1851. 1. Jahrg. 1. Heft, Seite 48 ff.(vergl. Schurz, Lenau's Leben II. S. 168.)
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