Lenan als Nuturllichter.
„Ein Verrauſchen, ein Verſchwinden Alles Leben!— Doch von wannen? Doch wohin?— Die Sterne ſchweigen, Und die Welle rauſcht von dannen.“
Lenau.
21 it tiefer Wehmut muß uns das tragiſche Geſchick eines reichbegabten Dichters erfüllen, 4* welcher, nachdem er ſchon von ſeinen Jünglingsjahren an mit finſtern, dämoniſchen Mächten emign und unſagbare, innere Kämpfe durchgemacht hat, im blühenden Mannesalter rettungslos in der Nachi des Wahnſinns verſinkt; ein Geſchick, das uns doppelt tragiſch erſcheint, wenn ſein Geiſt gerade dann von düſteren Schatten umhüllt wird, als ihm das Glück zu lächeln beginnt. Dieſes tragiſche Schickſal hat einem deutſchen Dichter die geiſtige Schwungkraft gelähmt, der als Lyriker in ſeiner Eigenthümlichkeit bis jetzt noch unübertroffen daſteht. „Poeſie iſt tiefes Schmerzen,
Und es kommt das echte Lied
Einzig aus dem Menſchenherzen,
Das ein tiefes Leid durchglüht.“ Dieſe Verſe Juſtinus Kerner's klingen faſt, als wenn er ſie im Hinblick auf ſeinen ihm geiſtig nahe verwandten Freund Nikolaus Lenau gedichtet hätte. Denn wenn je ein Dichter tiefes Leid in ſeinem Herzen getragen hat, ſo iſt es Lenau. Man iſt zwar gewohnt, Heinrich Heine als den Dichter des modernen Weltſchmerzes zu betrachten, doch mit unrecht. Denn Heine, ſo viel er auch von ſeinem Schmerz ſingt, ſo oft ihm auch ſeiner Verſicherung nach das Herz bricht, kokettirt im Grunde genommen doch nur mit ſeinem Leid, das er auf dem Markte des Lebens wie eine ſeltene Ware ausſtellt. Anders Lenau, der ſeinent Schmerz wie eine heilige Reliquie hütet, durch deſſen ganzes Leben wie ein rother Faden ſich ein namenloſes Leiden zieht, das in faſt allen ſeinen Liedern melancholiſch widerklingt. Tiefer Schmerz iſt der Grundton ſeiner ganzen Lyrik; und jeder, welcher in dieſen elegiſchen Klängen verwandte Töne findet, muß ſich mächtig davon angezogen fühlen. Und doch klagt Lenau nie, daß ihm das Herz gebrochen ſei; aber er wird auch niemals, wie Heine leider oft genug, frivol und cyniſch. Lenau's Muſe iſt ſo keuſch und rein wie das Licht des Mondes: wir fühlen eine heilige Scheu vor dem Schmerz des Dichters und trauern mit ihm. Natürlich


