— 27—
geerntet haben. Villehardouin selbst fand sein Gewissen so belastet, dals er in seinen Memoiren die Anwesenheit der venetianischen Ge- sandten vor Adrianopel und damit den Geheimvertrag selbst ver- schwiegen hat ¹).
Inzwischen war Bonifaz nach Didymoteichon gezogen ²), Ville- hardouin aber mit den anderen Gesandten nach Konstantinopel zu- rückgekehrt. Hier herrschte allgemeine Freude, daſs der erste Teil des Geschäftes so gut gelungen war. Jetzt galt es, auch den Kaiser zur Anerkenntnis des Schiedsgerichtes zu bewegen. Zu dem Zwecke schickte man vier Gesandte ihm entgegen, denn mittlerweile war Balduin von Thessalonich aufgebrochen; als Statthalter hatte er Rainer von Mons zurückgelassen. Der Rückmarsch war kein glück- licher. Man war im Hochsommer; Krankheiten brachen aus und dezimierten das Heer²). Allein die üblen Nachrichten von Didymo- teichon und Adrianopel trieben den Kaiser vorwärts. Noch stand er ganz unter dem Einfluſs seiner Umgebung; er war entschlossen auf keinen Fall nachzugeben. Da traf man auf die Gesandten aus Kon- stantinopel. Bègues de Fransures, ein Lehnsmann des Grafen Lud- wig von Blois, war ihr Sprecher. Als er seinen Auftrag ausgerichtet hatte, zog sich Balduin mit den Seinen ins Zelt zurück. Wiederum mochte Heinrich seine ganze Beredtsamkeit aufbieten, um den Bruder in der Richtung der einmal begonnenen Politik festzuhalten. Ein äuſserer Umstand schien ihm zu Hülfe zu kommen. Während die Herren unterhandelten, hatten die Ritter und Knechte nach den Er- eignissen in Konstantinopel gefragt. Da erfuhr man, dafs inzwischen eine zweite Teilung— der kostbaren Gegenstände— vorgenommen sei. Das war ein Funke ins Pulverfaſs.„Wie“, schrien die Ritter und Knappen,„unsere Beute habt ihr geteilt, ohne uns?“„Bei Gott“, rief einer,„ich will euch beweisen, daſs ihr Verräter seid.“ Die Ab-
¹) Der Zusammenhang der Ereignisse ist hier zumeist übersehen worden, in- dem man Vill. allzu bereitwillig Glauben geschenkt hat: D'Outreman 283; Duc. I 37; Le Beau XXI 34; Gibb. 419; Buchholz 324; Mich. 137; Wilken 357; Hurter 1 668; Sporschil 438; Medovikov 32; Stamat. 72; Finlay 99; Hopf 207; Krause 65; Paparrh. V 2; Hertzberg I 414; Kugler 285; Bouchet II 205 u. 213 ff; Kalligas 52; Manfroni 342. Dagegen richtig Klimke 3, 17 ff., 58; Pears 390; Riant. Inn.(18) 57. Für meine Beurteilung der venet. Politik vgl. auch Gelzer 1040.
²) Das Folgende bei Vill. 170, 200 ff.; Glari 78; Bald. Aven. 458.
³) U. a. starben der Kanzler Jean Faicete und Peter von Amiens. Da beter Claris Lehnsherr war, wird er allein von diesem erwähnt.


