— 25—
den Verrat eines Griechen gewonnen. Dann zog er den Fluls auf- wärts gegen Adrianopel. Auch hier suchte er durch die Anwesenheit seiner Stiefsöhne auf die Griechen zu wirken. Allein man durch- schaute ihn.„Wie“, riefen er und seine Gemahlin den auf der Mauer stehenden Einwohnern zu,„kennt ihr diese Knaben nicht, Kaiser Isaaks Sprossen?“„O ja“, entgegnete ein alter Archont,„wenn sie in Konstantinopel gekrönt sind, wollen wir ihnen huldigen ¹).“ Schon einmal hatte Bonifaz einen kaiserlichen Prinzen, Alexios IV., den äl- teren Bruder der Knaben, als Vorwand gebraucht. Man wollte sich nicht zum zweiten Male von ihm täuschen lassen.
So gelang es Eustach von Saarbrücken, Adrianopel zu halten. Allein er geriet durch die Ereignisse in die gröſste Verwirrung. Sofort sandte er zwei Boten mit der Nachricht von dem Zwist der Führer nach Konstantinopel. Auch hier war die Aufregung grols. Man berief sogleich eine Versammlung der Barone in die Blachernen. Hier traten Dandolo und Blois beschwichtigend auf und schlugen vor, den Marschall Villehardouin zu Unterhandlungen nach Adrianopel zu senden. Villehardouin war bereit und machte sich sofort auf den Weg. Manasse de Lylsle sowie zwei venetianische Gesandte, Marco Sanudo und Ravano dalle Carceri, begleiteten ihn²). Die Sendung war eine schwierige; denn schon war der Kaiser im Anzug begriffen, und es galt zu raschem Abschlufs zu kommen. Das Folgende ist uns in erster Linie durch den Hauptbeteiligten, den Marschall Gott- fried selbst, überliefert. Er erzählt uns, dals Bonifaz mit Champlitte, Otto de la Roche, Avesnes und Coligny den Gesandten entgegenkam. Es entstand ein heftiger Wortwechsel, wobei Villehardouin den Markgrafen heftig tadelte, dieser seinem Zorn auf den Kaiser Worte lieh. Schliefslich kam ein Vertrag zustande, nach dem Bonifaz die Belagerung von Adrianopel aufgab, sich nach Didymoteichon zurück- zog und die Entscheidung über Thessalonich einem Schiedsgericht von vier Männern, Dandolo, Blois, Béthune und Villehardouin, über- gab. Allein über Thessalonich war schon entschieden. Denn zur selben Zeit(12. August 1204) hatte Bonifaz einen Geheimvertrag mit den venetianischen Géesandten geschlossen, der, wenn auch nicht dem Wortlaut, so doch dem Sinne nach Bonifaz den Besitz von Thessalonich gewährleistete*). Dieser Vertrag ist vielfach milsver-
¹) Clari 77; Nik. 792; Vill. I. c.
²) Vill. 168, 196 ff.
³) Tu Th I 512.


