Aufsatz 
Geschichte des lateinischen Kaiserreiches von Konstantinopel : 1. Teil. Geschichte der Kaiser Balduin I. und Heinrich 1204-1216. Unter Benutzung eines Manuskriptes von Cal Hopf und mit Unterstützung
Entstehung
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Grund sein, der Bonifaz zu seinem Vorschlag bewog. War es da- nicht vom Standpunkt der kaiserlichen Politik ein vernünftiger Ge- danke, im Einverständnis mit Kalojan den Markgrafen niederzuwerfen und durch Besetzung von Thessalonich jeden ernstlichen Zwist im lateinischen Kaiserreich von Anfang an unmöglich zu machen? Ge- nug, Bonifaz erhielt eine ablehnende Antwort. Im Zorn geriet er aufser sich; er schalt den Kaiser einen Treulosen, wankelmütiger als ein Würfel und trügerischer als ein Grieche. Dann wandte er sich rückwärts. Die Deutschen unter Berthold von Katzenellenbogen be- gleiteten ihn. Doch auch mancher Franzose hatte sich ihm zugesellt: es ist die Friedenspartei, die uns hier entgegentritt und als ihren Wortführer den Marschall Gottfried Villehardouin verehren mochte. Genannt werden uns Wilhelm von Champlitte, Jakob von Avesnes und Hugo de Coligny ¹). Die Tätigkeit dieser Partei wird uns bald genug entgegentreten. Sie kam zum Ziel, indem sie Dandolo ins Spiel zog und so den Venetianern nicht zum Heile des Reiches die Entscheidung überlieſs ²).

Inzwischen trug die tatkräftig begonnene Politik dem Kaiser gute Früchte. Er zog den Mestos entlang nach Christopolis, dann auf dem Ostufer des Flusses nach Xantheia, wo er den Widerstand eines einheimischen Archonten Senacherim nennt ihn Niketas zu brechen wuſste. Von da ging er zurück über den Mestos nach Serrai und endlich über den Strymon nach Thessalonich. Hier war seine Lage anfangs nicht glänzend, Nahrungsmangel peinigte das Heer. Aber nach drei Tagen brachte eine vernünftige Politik die entscheidende Wendung. Auch Balduin wandte sich jetzt den Griechen zu. Den Bewohnern von Thessalonich bestätigte er durch Urkunde ihre alten Rechte und willigte ein, die Soldaten aufserhalb der Ring- mauer zu lassen. Daraufhin huldigte ihm das Volk im Lager. Die Stadt gewährte Lebensmittel und nahm einen kaiserlichen Statthalter auf ³). Schade, daſs diese erfolgreiche Unternehmung durch vermeint- liche Freunde unterbrochen wurde.

Wir wenden uns wieder dem Markgrafen zu. Bonifaz war nach dem Streit vor Mosynopolis nach Thrakien zurückgekehrt. Über das Rhodopegebirge hatte er Didymoteichon am Hebros erreicht und durch

¹) Vill. 164, 194. Für Coligny vgl. Bouchet II 388.

) Auch D'Outreman 276 tadelt diese Partei, doch nur aus nationalen Grün- den, daſs sie ihren belgischen Landesherrn im Stich gelassen habe.

³) Nik. 791 ff; Vill. 166, 194; Clari 77.