Aufsatz 
Geschichte des lateinischen Kaiserreiches von Konstantinopel : 1. Teil. Geschichte der Kaiser Balduin I. und Heinrich 1204-1216. Unter Benutzung eines Manuskriptes von Cal Hopf und mit Unterstützung
Entstehung
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jubelten ihm nach altem Brauche zu und adorierten ihn als ihren heiligen Kaiser¹). Unterdes herrschte in der Stadt ungeheurer Jubel. Die Häuser waren mit Teppichen und kostbaren Gewändern ge- schmückt. Für die Vornehmen aber fand bei dem neuen Kaiser im Bukoleon ein Festmahl statt. Danach verabschiedeten sie sich und bezogen ihre Quartiere, während Balduin zurückblieb und das groſse Ereignis durch seinen Kanzler aller Welt verkünden lieſs.

Vielleicht noch am selben Tage lieſs Balduin sein altes Grafen- siegel einziehen und nahm statt dessen die Bulle seiner byzanti- nischen Vorgänger an²), gleichwie er dem einfachen Titel eines Grafen von Flandern und Hennegau von nun an den volltönenden eines Kaisers von Konstantinopel und Beherrschers der Romäer voransetzte*). So war ein Graf des europäischen Nordwestens auf den mit Prätensionen umhüllten Kaiserthron von Byzanz gekommen. Resigniert sagt der Orientale⁴):Gott gibt die Herrschaft, wem er will, und nimmt sie, wem er will.

Balduin sollte bald den Wechsel des Schicksals an sich selbst erfahren. Ich denke hier noch nicht an seinen eigenen unglücklichen Tod, sondern an ein Ereignis, das nur wenige Wochen nach den Festen der Wahl und Krönung stattfand und den als liebevollen Gatten bekannten Kaiser) aufs tiefste erschüttern muſste. Am 29. August starb Balduins Gemahlin zu Akkon. Maria hatte ja mit ihrem Ge- mahl gleichzeitig das Kreuz genommen, war aber, da sie schwanger war, noch in der Heimat zurückgeblieben. Erst nachdem sie im Jahre 1202 ihre zweite Tochter Margarethe geboren und diese nebst der älteren Johanna unter der Obhut des Königs von Frankreich, Philipps II. August, zurückgelassen hatte, war sie zur Erfüllung ihres Gelübdes aufgebrochen. Von Marseille aus hatte sie sich nach Akkon eingeschifft. Dorthin sandte ihr Balduin die Nachricht von

¹) Clari 75, T u Th 1 508; das vo⁴ννονεςενν, s. Hurter I 660; D'Outreman 247.

²) Darüber Mitteilung Balduins vom Juni 1204 bei Mart. et Dur., Thes. nov. I 793(mit falschem Jahr bei Reiffenberg, Coll. de Chron. belges V 330). Schlum- berger, Bulletin monumental 1890 p. 5 verzeichnet 3 Exemplare der Goldbulle und 2 Bleibullen. Abbildungen der Bleibullen bei Buchon, Rech. et mat. I Tafel II. S. auch Warnkönig, Flandrische Staats- und Rechtsgesch. I 160.

3) Mit verschiedenen Modifikationen; einfach im Schreiben an Innocenz(T' u Th I 502). Vgl. auch Duvivier, Compte rendu de l'académie de Bruxzelles 1901, 70. Bd., 37 43, Wilk. 330, Krause 63.

4) Ibn el Athiri 461.

5) Schilderung seiner Keuschheit bei Nik. 790.