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an Buchbinder und Goldschläger, Wagenladungen werthvoller Acten als Makulatur an Kaufleute verkauft würden. Auch dem Urkundenbuche unserer vorgeschichtlichen Zeit(so möchte ich den Erdboden, der uns trägt, nennen) wird eine früher nicht gekannte Aufmerk- samkeit zugewendet. Die Forschungen nach den stummen Zeugen der Lebensweise unserer heidnischen Vorfahren, ihren Wohnstätten und Gräbern, ihren Opferplätzen und Burgen sind gradezu ein Lieblingsgegenstand der Theilnahme aller Gebildeten geworden. Es ist, als wollte man gut machen, was frühere Generationen versäumt haben. Und allerdings thut Eifer und Eile noth. Es gilt ungesäumt Hand anzulegen. Für die neuen Formen unseres wirthschaftlichen Daseins wird in unserer Zeit gleichsam der Bauplatz frisch eingeebnet. Die Erdarbeiten für Wegeanlagen oder industrielle Unternehmungen, ferner die Veränderungen der Bodenfläche bei Verkoppelungen und Separationen der Ländereien beseitigen bald das, was Gewohnheit oder lässige Wirthschaftlichkeit hatten liegen lassen oder anderthalbtausendjähriger Aberglaube ver- schont hatte. Noch ein Menschenalter und es wird wenig mehr von dem erhaltbar sein, was heute noch erhaltbar ist, und das ganz beseitigt sein, dessen Reste der Wissenschaft jetzt noch werthvollste Bereicherung gebracht haben würden.
Die nachstehenden Seiten sollen ein Beitrag zur Erforschung dessen sein, was über die heidnische Zeit der heutigen Fürstenthümer Waldeck und Pyrmont sich ermitteln lässt. Das Unternehmen erschien anfangs fast aussichtslos. In den Schriften der Waldeckischen Specialhisto- riker, J. A. Th. Ludwig Varnhagens„Grundlage der Waldeckischen Landes- und Regentenge- schichte“(Göttingen 1825), einer musterhaft sorgfältigen Arbeit, und meines Vorgängers im Amte, L. Curtze, Geschichte und Beschreibung des Fürstenthums Waldeck(Arolsen 1850), einem den Gegenstand zum erstenmale von allen Seiten in Angriff nehmenden Werke, wird die heidnische Zeit entweder gar nicht oder nur mit flüchtigen Worten berührt. Etwas näher tritt dem Ge- genstande Karl Steinmetz in seiner nachgelassenen Geschichte Waldecks bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Arolsen 1874(— Beiträge zur Geschichte der Fürstenthümer Waldeck und Pyrmont. IV. 2), aber auch dieser nur auf den ersten vier Seiten und ohne zu dem bereits bekannten Materiale etwas neues hinzugefügt zu haben. Dazu kam, dass bei dem Mangel einer im Lande erscheinenden Zeitung die Kunde etwaiger Alterthumsfunde selbst in den nächsten Kreisen keine Verbreitung hatte finden können. Kein Gräberfund ist bisher bekannt geworden, so dass selbst das Vorhandensein heidnischer Gräber im Lande bezweifelt werden konnte. Mehr daher als vielleicht in irgend einem anderen staatlichen Gebiete unseres Vaterlandes wied es hier eines aufmerksamsten Sammelns aller Reste und Spuren heidnischer Vorzeit bedürfen und die Bescheidenheit der Anfänge wird nicht sowohl ein Anlass zu entmuthigtem Aufgeben
dieser Bestrebungen als ein Sporn zu verdoppelten Anstrengungen sein müssen.
I.
Von den Nachrichten, welche römische und griechische Schriftsteller über Deutschlands Stämme überliefert haben, fällt auf Waldecks Vorzeit kaum ein dürftiger Lichtstrahl. Sigam- brer und Chatten können das Land inne gehabt haben, aber ob die einen nach den andern oder beide zugleich, muss völlig dahingestellt bleiben. Ebenso muss es vorläufig eine offene Frage bleiben, ob und wie weit das in Rede stehende Gebiet den Römern bekannt geworden ist. Die


