Es ist nicht zufällig, dass den kräftigsten und eigensten Aufschwung des deutschen Geistes im 16. Jahrhundert die grösste Regsamkeit deutscher Geschichtsschreibung begleitete; dass in der Folgezeit mit dem Sinken des politischen und geistigen Lebens ein Verkommen des geschichtlichen Sinnes verbunden war, und dass man endlich erst wieder lernte, was Ge- schichte eines Volkes und was Geschichtsschreibung sei, als unser Geistesleben und unsere Litteratur durch den grossen Preussenkönig wieder den ersten nationalen Gehalt bekam. Auch seitdem ist das geschichtliche Studium unsrer Vergangenheit bald steigend, bald fallend jeder grösseren Wendung in unserem politischen Entwickelungsgange gefolgt. Den Anstoss zu regerem Erforschen und Sammeln der Quellen, zu ausgedehnterem Studium der Spezialge- schichte, zur Bildung der jetzt weit verbreiteten Localgeschichtsvereine gab unter den erheben- den Eindrücken der Freiheitskriege der unvergessliche Freiherr von Stein. Keiner wusste besser als er, dass vaterlandslose Gesinnung da am meisten drohte, wo man von der Vergangenheit des Vaterlandes am wenigsten wusste und von seiner Zukunft am wenigsten hoffte. Erfreuli- ches Streben folgt dieser Anregung, aber die jäh hereinbrechende Reaction erdrückt oder lähmt es. Es hebt sich erst wieder, als unter Gewitterstürmen eine neue Zeit heraufkommt, und nie ist es lebhafter gewesen und hat reicheren Ertrag gegeben und weiteren versprochen als im neuen deutschen Reich. Wenn irgend etwas, so berechtigt diese Thatsache uns Deutsche zu der Hoffnung, dass unser Vaterland in seiner neuen Gestaltung einer Zeit kraftvollen Aus- baues und ruhiger Grösse entgegen gehen werde. Denn dass wir schliesslich über alle schwere Zeiten der Zerrissenheit hinaus uns doch noch das Gefühl der Zusammengehörigkeit ge- rettet hatten und immer wieder zur Einigung hinstrebten, war nicht zum wenigsten die stille Wirkung der unsichtbaren Gefühlsfäden, welche von den erhaltenen Denkmälern und Resten unserer gemeinsamen Vergangenheit ausgiengen und sich über alle Grenzen, welche Zeit, Ge- walt oder freier Wille aufgerichtet hatten, zu den Herzen aller wahrhaft deutschen Männer hinspannen. In der Betrachtung seiner Vergangenheit fand das Volk sich selbst wieder, lenkte in längst verlassene Bahnen wieder ein, lernte sein Land und sein Blut lieben, fand den Glauben an seine eigene Zukunft und damit Muth zur Lösung der nächsten Aufgaben.
Dieser mehr und mehr erstarkte geschichtliche Sinn unseres Volkes ist berufen der beste Hüter der erhaltenen Denkmäler in unserem Vaterlande zu sein. Es wäre heute wohl un-⸗ möglich, was vor fünfzig Jahren noch geschehen ist, dass Stösse alter Pergamenturkunden


