Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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Das einzeln aufwachſende Kind ſteht aber dieſem Reſultate immer nur lernend gegenüber; es empfängt das Vorhandene, und dies iſt ihm Geſetz. Es iſt ganz und gar nicht ſo, als ob aus dem Kinde neue Formen durch inneren Naturtrieb hervorbrechen könnten; was es nicht ge⸗ hört hat, das ſpricht es nicht. Auch macht ein Kind, das nur die Mundart ſeiner Eltern ſpricht, in dieſer ebenfalls Fehler; nur findet es alsbald ſein Correctiv in dem Gelächter ſeiner Umgebung. Dabei iſt es merkwürdig, wie früh ſich das Gefühl der Unterwerfung unter den allgemeinen Sprach⸗ gebrauch, die Anerkennung deſſelben als Geſetz, ja der Sprachrichtigkeit einzuſtellen pflegt. Oder iſt es nicht etwas höchſt Ueberraſchendes, ein Geſchöpf von 2 bis 3 Jahren ſchon corrigiren und dabei ſich einer Redensart bedienen zu hören, wiees heißt nicht gewäſchen, es heißt gewaſchen? Eine Unterſcheidung zwiſchen Dialect und Schriftſprache in Beziehung auf ihre Natürlichkeit iſt bloße Selbſttäuſchung. Der Dialect entwickelt ſich aus dem Sprachgebrauch der räumlich verbun⸗ denen Volkskreiſe; die gebildete Sprache ebenfalls aus dem Sprachgebrauche der in beſonderem Verkehr miteinander befindlichen gebildeten Kreiſe. Die Wirkung dieſes Sprachgebrauchs iſt das Sprachgefühl, und dieſes erlangt das Kind, wenn es in einem Kreiſe aufwächſt, in dem es auch nur zuweilen die gebildete Sprache zu hören pflegt, ganz in derſelben Weiſe, wie das Dorfkind die Mundart ſeines heimiſchen Dorfes; und es iſt dabei ganz gleichgültig, wie dieſer Dialect oder jene Culturſprache entſtanden ſind, ob ſie Stamm⸗ oder Töchterſprache, ob ſie rein oder gemiſcht, und ob ſie einen papierenen Urſprung haben, oder von jeder Berührung mit Papier ſo fern geblieben zu ſein ſich rühmen können, wie die der Papuas oder der Hottentotten. Nur inſofern findet einiger Unterſchied ſtatt, daß die gebildete Sprache an Mannigfaltigkeit des Begriffsinhalts die Mundarten übertrifft, daß der Sprachgebrauch bei dem großen Kreiſe der Theilnehmer oft ſchwerer und nur mittelbar zu erfaſſen iſt, daß zugleich die Anforderung an Sprachrichtigkeit ſtrenger zu ſein pflegt und endlich allerdings auch, daß es ſich bei der Culturſprache darum han⸗ delt, ſie nicht nur zu ſprechen, ſondern auch zu ſchreiben.

Es iſt zu verwundern, daß es den Urhebern des Vorſchlags, das Hochdeutſche unter Ver⸗ mittlung der Mundart zu lehren, entgangen iſt, wie gerade hierdurch das Deutſche nur als eine fremde Sprache, ein zweites Latein, gelehrt werden würde, indeß die Mundart die Stelle der eigentlichen Mutterſprache vertreten müßte. Wenn man wirklich einer ſolchen Gelegenheit, wie die Abweichung der Mundart von der Schriftſprache, bedürfte, um auf grammatiſche Verhältniſſe aufmerkſam zu machen, und hieran ſogar eine Theorie der Grammatik anzulehnen wäre, ſo würde Niemand ſo viel Gelegenheit zu grammatiſcher Belehrung finden, als ein plattdeutſches Bauern⸗ kind. Aber ein Kind, welches die hochdeutſche Sprache ſchon mit zur Schule bringt, würde der⸗ ſelben eine recht bedenkliche Schwierigkeit bieten, und würde wohl niemals etwas davon erfahren, daß es Declinationen und Conjugationen gibt. Es iſt indeſſen offenbar nicht im Mindeſten aus dem Leben gegriffen, ſondern blos in der Studierſtube ausgeſonnen, daß einem deutſchen Kinde die deutſche Sprache eine fremde ſei und einer Ueberſetzung und Vermittlung durch den Dialect be⸗ dürfe. Nur in ſehr ſeltenen Ausnahmsfällen mag es vorkommen, daß das Kind niemals, auch nicht einmal etwa in der Predigt, hochdeutſch ſprechen gehört hat, und ſelbſt in dieſen Fällen beginnt mit dem erſten Buchſtaben, den es lieſt, oder vielleicht ſchon vorher mit der erſten Er⸗ zählung, die ihm vorgeleſen oder hochdeutſch erzählt wird, das unvermittelte Verſtändniß der Schriftſprache. Von dieſem Augenblicke eröffnen ſich für ſein Denken Gegenſtände, die ihrer Na⸗ tur nach hochdeutſch ſind und bleiben, Gedanken, die nicht im Dialect gedacht und in das Hoch⸗