Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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den Chatai Frieden ſchloß, ſah ich beim Eintritte in die Moſchee zu Kaſchgar einen lieblichen Knaben, der die Syntax des Samachſchari in der Hand hatte und las:Seid ſchlug den Amr, Amr iſt das Object. Ich ſagte:O Knabe, Charism und Chatai haben Frieden geſchloſſen, werden denn Seid und Amr ſtets in Feindſchaft leben? Seid und Amr ſind nämnlich will⸗ kürlich gewählte Eigennamen und der angeführte Satz eines der zu grammatiſchen Formen häufig verwendeten Beiſpiele.

Es iſt alſo ſicherlich keine ſpeciell deutſche Pedanterie, die Jugend in der Grammatik der eigenen Sprache unterrichten zu wollen; es iſt eher eine allgemein menſchliche Methode zu nennen. Darum könnte es freilich immerhin ein Irrthum und ebenſo verwerflich oder doch überflüſſig als allgemein ſein. Wenn wir uns auch nicht mehr auf die Autorität anderer Völker und Zeiten berufen können, um den grammatiſchen Unterricht zu verwerfen, ſo mag man doch willig auf dieſelbe verzichten, nachdem ſie zu deſſen Gunſten ſpricht. Prüfen wir daher lieber an der Sache ſelbſt, was die Sprachlehre der Sprache zu ſein und zu leiſten vermag.

IV. Vermittelung der hochdeutſchen Grammatik durch die Mundart.

Man ſieht leicht, daß wo Fehler gemacht werden können, auch eine Lehre möglich ſein muß, dieſelben zu vermeiden. Eine wirkliche Naturthätigkeit läßt keines von beiden zu. Man kann weder athmen noch wachſen lernen, ſowie man auch keine Fehler gegen die Geſetze der Athmung und des Wachsthums begehen kann. Nun ſteht es aber feſt, daß es jedem Deutſchen wohl einmal begegnen kann, gelegentlich einen Sprachfehler zu ſprechen.

Dem Verſuche, die deutſche Sprachlehre durch die Entſchuldigung zu retten, daß die neu⸗ hochdeutſche Sprache gleichſam ein Kunſtproduct ſei, eine Entſchuldigung, die wohl ſo ziemlich auf die Sprachen aller Völker wird ausgedehnt werden müſſen, die überhaupt in der Lage ſind, ſich unſere Frage vorzulegen dieſem Verſuche lag ſtillſchweigend die Vorſtellung von Sprachen zu Grunde, die Naturproduct und darum nicht Lehrgegenſtand ſein ſollten. Ich ſehe jedoch nicht, wie die Mundart ſich weſentlich anders als die vermeintlich künſtliche Sprache verhalten könnte. Die Vorſtellung, als ob das Sprechen eine organiſche Thätigkeit des Menſchen ſei, iſt irrig, oder doch unklar. Der Menſch, ſich ſelbſt überlaſſen, ſpricht nicht. Er verdankt die beſondere Geſtalt ſeiner Sprache der Tradition, und wenn man etwas hierbei organiſch nennen will, ſo iſt es nur der unbeſtimmte Reiz und die Fähigkeit, überhaupt zu ſprechen. Die beſondere Geſtalt der Sprache aber, die dem Einzelnen überliefert wird, das heißt, jeder Laut, jedes Wort, das wir ſprechen, und nur darum ſprechen, weil wir es ſo von Eltern, Ammen, Lehrern oder Kindheitsgenoſſen gehört haben alles dieſes iſt entſtanden durch das Zuſammenwirken von Millionen, die vor uns geweſen ſind. Die Wirkung der Maſſe iſt hierbei ſo groß, daß das Streben des Einzelnen da⸗ neben völlig machtlos iſt, und das gemeinſchaftliche Reſultat des bewußtloſen, nach keinem Plane verfahrenden Handelns zahlloſer Generationen zur Schöpfung der Sprache kann allerdings, was die Ueberlegenheit gegenüber dem Menſchenwerke und die Geſetzmäßigkeit der von keinem will⸗ kürlichen Eingreifen geſtörten Entſtehung betrifft, ein Naturerzeugniß heißen.

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