Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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Auch die Araber betrieben die Grammatik mitten in der Blüthe ihrer Literatur auf's An⸗ gelegentlichſte. Der älteſte arabiſche Grammatiker, Abu⸗l⸗Asvad, ſtarb nicht 60 Jahre nach Muhammed. Die Wirkung Muhammeds auf die arabiſche Sprache, Literatur und Gram⸗ matik bietet überhaupt eine ähnliche Erſcheinung, wie die Luther's auf das Hochdeutſche dar, nur in größerem Maßſtabe. Muhammed hatte in dem reinſten, fortan muſtergiltigen Arabiſch ſeine Lehre verkündet. Schon von Anfang an hatte ein Theil des Zaubers, den er auf die arabiſchen Stämme übte, auf ſeiner Herrſchaft über die Sprache beruht, deren Reinheit längſt der Stolz ſeines Stammes war. Die Sprache der Koreiſchiten, des Korans und der vorzugsweiſe Araber genannten Beduinen rein zu bewahren, ſie vor fremden Einflüſſen, vor Barbarismen und Solö⸗ cismen zu ſchützen, war das Ziel und die Hauptaufgabe der Grammatiker. Man glaubt von Mu⸗ hammed zu leſen, wenn Clajus in der Vorrede zu ſeiner Grammatik ſagt, er habe dieſelbe aus Luthers Schriften gezogen, da er der Ueberzeugung ſei, daß ſie nicht ſowohl die eines Men⸗ ſchen, als Werke des heiligen Geiſtes ſeien, unddaß der heilige Geiſt, der durch Moſes und die Propheten hebräiſch und durch die Apoſtel griechiſch geſprochen habe, auch gut deutſch geſprochen durch ſein erwähltes Werkzeug Luther. Denn außerdem ſei es unmöglich geweſen, daß Ein Menſch ſo rein, ſo treffend, ſo ſchön deutſch ſpräche, ohne Jemandes Führung und Unterſtützung. Die Uebereinſtimmung in der Geſchichte der arabiſchen Grammatik und Sprache mit der deut⸗ ſchen geht ſo weit, daß man auch von der arabiſchen Schriſtſprache den Zweifel erhoben hat, ob ſie nicht ein blos künſtliches Idiom ſei, ein Zweifel, der freilich in nichts zerfiele, wenn Pal⸗ grave's Beobachtungen gegründet ſind, der bei den Beduinen den reinen Dialect des Korans in aller grammatiſchen Vollkommenheit lebendig zu finden glaubte ¹).

Renan macht hierüber treffende Bemerkungen, die zum größten Theil auch faſt wörtlich auf das Hochdeutſche angewendet werden können.Nach einer grammatiſchen Umſchmelzung, ſagt er,zeigt ſich die Sprache des Volkes immer von der der Gebildeten verſchieden. Dann erſt fängt man von einer Volksſprache im Gegenſatze zur Gelehrtenſprache zu reden an. Die Ent⸗ wickelung der Sprache iſt gewiſſermaſſen geſpalten und ſetzt ſich fortan nach zwei mehr und mehr auseinanderlaufenden Richtungen fort, indem der Vulgärdialect durch einen Verderbungsprozeß auf die urſprüngliche Sprache folgt, wie die gelehrte Sprache durch einen Culturproceß auf die⸗ ſelbe gefolgt war..... Man kann das urſprüngliche Arabiſch mit dem vergleichen, was das Lateiniſche vor der grammatiſchen Arbeit geweſen ſein muß, die ſie um die Zeit der Scipionen regelte; das Schriftarabiſch läßt ſich der lateiniſchen Sprache in den Denkmälern aus dem Zeitalter des Auguſtus, die arabiſche Volksſprache dem einfachen Latein des 6. Jahrhunderts vergleichen, das in vieler Hinſicht mehr dem alterthümliche ein als dem des Virgil und Cicero glich ²).

Die Bemühungen der Araber um die gran mauſſche Richtigkeit der Sprache ſteigerten ſich mit der Verbreitung der Herrſchaft ihres Volkes über fremdländiſche Reiche, während ſich zugleich die unterworfenen Völker, namentlich die Perſer, ganz beſonders an der grammatiſchen Bearbeitung der Sprache betheiligten. Am Anfang des 13. Jahrhunderts finden wir Lehrbücher der arabiſchen Nationalgrammatiker in den Händen der Jugend am öſtlichſten Ende des Seldſchuckenreiches.In dem Jahre, erzählt Sadi in ſeinemRoſengarten,wo Sultan Mahmud von Charism mit

¹) Ueber das Sanskrit herrſcht bekanntlich derſelbe Zweifel. ²) Rénan, hist. gén. des langues sémitiques, Par. 1855, p. 380 sq.