Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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Ennius geſchrieben, nicht solitus sum, wie der große Haufe, das volgus ſage. Man ſieht, wie unrichtig es wäre, die lateiniſche Schriftſprache, ſei es in Hinſicht auf Mitwirkung des Schrift⸗ ſtellerthums bei ihrer Feſtſtellung, ſei es in Hinſicht auf grammatiſche Behandlung, zu der Deut⸗ ſchen in Gegenſatz zu bringen. Bei den Griechen ſind grammatiſche Unterſuchungen und ihre prac⸗ tiſche Verwendung zum Zweck correcten Sprechens älter als Socrates. Protagoras lehrte die Jugend die Kunſt richtig zu ſprechen. Er war es, der entdeckte, daß die Hauptwörter drei Geſchlechter haben und zuerſt von männlichen und weiblichen Wörtern ſprach; auch unterſchied er an den Zeitwörtern, oder vielmehr den Prädicaten, die vier Kategorien der Frage, der Antwort, des Befehls und des Wunſches, wie ſie noch jetzt in unſerer Grammatik ganz ähnlich wiederholt wer⸗ den. Prodikos erfand die Synonymik, lehrte im Reden die richtigen Unterſchiede ſinnverwandter Wörter beobachten, und wendete dieſe Unterſcheidung auch zur Erklärung der Dichter an. Dies alles geſchah ſchon im fünften vorchriſtlichen Jahrhundert. Kein griechiſcher Schriftſteller der claſ⸗ ſiſchen und nachelaſſiſchen Zeit zweifelte, daß grammatiſche Studien, ſo verſchieden man ſich die⸗ ſelben auch dachte, für den Gebrauch der Sprache förderlich ſeien.

Gehen wir über den von Grimm berührten Kreis hinaus, ſo beſitzen die Inder in Pà⸗ nini's hochberühmter Grammatik, welche die Leiſtungen zahlreicher Vorgänger in ſich aufnahm und abſchloß, ein allumfaſſendes Lehrbuch der Sanskritſprache, welches über jede Einzelheit der Formenlehre in bewundernswürdiger Weiſe Auskunft und Entſcheidung gibt. Dieſes Week iſt kei⸗ neswegs zum Zwecke theoretiſcher Sprachunterſuchung, ſondern geradezu mit der Abſicht einer Geſetzgebung für die Sprache, und zwar zur Zeit ihres Lebens und ihrer Blüthe geſchaffen wor⸗ den. Die bloße Aufnahme einer grammatiſchen Form Seitens Pänini's entſcheidet über ihre Correctheit; eine Entſcheidung, mit der ſich kein Sanskritſchriftſteller in Widerſpruch zu ſetzen wagte, da er eben hierdurch ſchon falſch geſchrieben haben würde. Es iſt alſo hier für die Gram⸗ matik ein Princip befolgt, wie in lexikaliſcher Hinſicht in dem Wörterbuch der franzöſiſchen Aca⸗ demie, und wie es auch Adelung in ſeinem deutſchen Wörterbuche vorſchwebte; nur daß die europäiſche und ganz beſonders die deutſche Natur ein ſolches der Fortentwickelung widerſtreben⸗ des Princip nicht wirklich feſtzuhalten im Stande iſt. Auch ſtützt ſich Pänini nicht etwa auf Citate aus Claſſikern, ſondern höchſtens auf Entſcheidungen älterer Grammatiker. Ja die claſſiſche Sprache der Vorzeit war eine ganz andere als die der Zeitgenoſſen Panini's; der Dialect der heiligen Literatur der Veda's verhält ſich zum Sanskrit etwa wie Homer zu den ſpäteren griechiſchen Claſſikern; und Pänini lehrte, wo er nicht die Vedaſprache der Umgangsſprache ausdrücklich entgegenſetzt, gerade dieſe letztere. Doch iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß auch das Sanskrit damals den Gegenſatz einer lebenden Literaturſprache gegen die Mundarten bildete, und daß dieſer Gegenſatz zur Entwickelung der nationalen Grammatik der Inder Vieles beitrug. Im 7. Jahrhundert unſerer Zeitrechnung nun wurde Indien von einem buddhiſtiſchen Pilger aus China, Hiuan⸗Thſang, bereiſt. Als dieſer nach Pänini's Geburtsſtadt kam, fand er nicht nur eine Statue ihm zu Ehren errichtet, ſondern alle Knaben der Stadt lernten ſeine grammatiſchen Regeln und nach Hiuan⸗Thſang's Erzählung war dies ſchon 500 Jahre früher der Fall. Mag nun auch die Vaterſtadt Panini's in dem allgemeinen Studium ſeiner Lehren weiter gegangen ſein als andere Städte Indiens, ſo war der Unterricht in denſelben doch gewiß nicht auf ſie beſchränkt, und bis auf dieſen Tag iſt es für die Brahmanen religiöſe Pflicht, die 3996 Regeln ſeiner Gram⸗ matik auswendig zu wiſſen.