ziehen; niemals erwächſt der Gattung aus einem ſolchen ausgezeichneten Individuum ein Gewinn. Aber der Menſch wirkt auf Andere ſeines Gleichen, ſeine Gaben verzehren ſich nicht ungenutzt, ſie fördern ſeine Umgebung, ziehen ſie mit empor, erregen ihre Aufmerkſamkeit und Nacheiferung, ſowie ihre Verehrung: daher gibt es große Menſchen und keine großen Thiere. Dieſe Wirkung des Individuums dürfen wir aber niemals aus der Menſchheit wegdenken, und ſie iſt auch in der Sprache von jeher vorhanden. In einem gewiſſen Sinne gibt es von jeher Claſſiker und jeder⸗ zeit eine Art von Gegenſatz zwiſchen Gebildeten und Ungebildeten. So muß denn auch der Gegen⸗ ſatz der niederen und höheren Sprache ſich überall von ſelbſt ergeben; heilige Lieder, Reden in Verſammlungen der Stämme bilden den Kern einer Literaturſprache; und je größer der theil⸗ nehmende Kreis wird, je Mehreren dieſelben Lieder heilig ſind und der Antheil an ihrer Dichtung offen ſteht, oder, je mehr verſchiedene Stämme auf gemeinſamen Berathungen zu verkehren pflegen, um ſo weiter wird ſich die Literaturſprache von der Mundart entfernen, indem der Kreis der Sänger oder Redner an die Stelle des Volkſtammes tritt, und ſprachbildend wird wie dieſer. Die Vertretung von ganz Deutſchland auf den Reichstagen, die allgemeine Verbreitung und Wirkung der lutheriſchen Bibel— ſie hat ihre Analogie in der fernſten Urzeit.
Andererſeits können ſelbſt die künſtlichen Dialectliteraturen unſerer Zeit ſich der Einwirkung der gebildeten Schriftſprache nicht entziehen, wenn ſie ſich über das Niedrige und Komiſche er⸗ heben wollen. Auch bemerken die Dialectforſcher meiſtens, daß die geſchriebenen Proben kein ganz zulänglicher Ausdruck der lebendigen Mundart ſeien. Sobald übrigens eine Dialectliteratur über den erſten Verſuch hinauskommt, wiederholt ſich in ihr derſelbe Prozeß, der von jeher bei der Entſtehung der Literaturen gewaltet hat. Schon ein zweiter Dichter alemanniſcher Gedichte würde, be⸗ wußt oder unbewußt, nicht mehr blos aus ſeiner Mundart, ſondern eben ſo ſehr aus Hebel ſchöpfen.
Wie verhält ſich nun jenen höheren Sprachen, den Literatur⸗ und Schriftſprachen gegenüber das Studium des Einzelnen? Grimm hat geſagt, daß ein deutſcher Unterricht für Deutſche eine Pedanterie ſei, die es Mühe koſten würde, einem wieder auferſtandenen Griechen oder Römer nur begreiflich zu machen, ſowie, daß es den meiſten mitlebenden Völkern ſchwerlich in ſolchem Ernſte beigefallen ſei, ihre eigene Landesſprache unter die Gegenſtände des Schulunterrichtes aufzuneh⸗ men. Indeſſen haben doch wenigſtens die Franzoſen ſeit lange die Grammatik, als„die Kunſt correct zu ſprechen und zu ſchreiben“, ſogar noch einſeitiger für unumgänglich nothwendig gehalten. Und was die Griechen und Römer betrifft, ſo ſteht die Sache, wie wir jetzt wiſſen, ganz umge⸗ kehrt. Die einheimiſche Grammatik war in Rom ein ſehr angeſehener, hochwichtiger Gegenſtand. Cäſar ſelbſt ſchrieb eine lateiniſche Grammatik. Ebenſo Plinius, der berühmte Verfaſſer der Naturgeſchichte, der Humboldt des alten Roms. Quinctilian nennt die Grammatik eine Kunſt, die den Knaben nothwendig, den Greiſen angenehm ſei. Grammatiſche Fragen, ja Spitzfindigkeiten waren im römiſchen Alterthum überall, ſelbſt an der kaiſerlichen Tafel willkommene Gegenſtände der Unterhaltung. Und die lateiniſche Sprache hat mit der neuhochdeutſchen ſogar auch das gemein, daß die erſten Anfänge ihrer Literatur ſogleich auch von grammatiſchen Schriften begleitet und beein⸗ flußt waren. Dem alten Satyrendichter Lucilius, dem um ein Jahrhundert älteren Vorgänger des Horaz, wird eine Schrift über Orthographie, ja ſchon Ennius ein Buch„über die Buchſtaben und Silben“ zugeſchrieben. Gerade jene älteſten Dichter und Schriftſteller erlaubten ſich die Sprache am kühnſten zu meiſtern und ſie nach grammatiſchen Beobachtungen umbilden, regelmäßiger ma⸗ chen zu wollen. Varro ſagt z. B., man müſſe von soleo, pflegen, solui bilden, wie Cato und


