Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
Einzelbild herunterladen

die zu ihrer Bildung beigetragen haben, gehören auch ganz verſchiedenen Sprachſtämmen an, während Normannen und Angelſachſen doch mindeſtens beide Indogermanen ſind. Ja es ſpiegelt ſich in jenen orientaliſchen Sprachgemengen die ganze Ruinenwelt des modernen Orients, der Schutt untergegangener Religionen mit ihren Literaturen wieder.

Um alſo zu einer Sprache von weniger papiernem Urſprung zu gelangen, müſſen wir uns wohl an die todten wenden. Der große Gegenſatz antiker und moderner Sprachen iſt nun aller⸗ dings nicht zu verkennen. Beſonders iſt die Miſchung mit fremden Beſtandtheilen in den alten Sprachen verhältnißmäßig ſehr unbedeutend. Aber wenn bei der Sprache irgendwo von einem Kunſt⸗ product geſprochen werden kann, ſo iſt die in Schriften uns vorliegende Sprache ein ſolches. Die Römer kamen erſt durch gelehrte Bekanntſchaft mit der griechiſchen Literatur auf den Gedanken, ihre Sprache zu ſchreiben, ja die Erſten, die dies wagten, waren ſelbſt Griechen. In bewußter Nach⸗ ahmung wurden Versform, Satzbau und Wortbildungen aus griechiſchen Schriften oft ſclaviſch übertragen, wie dies ganz ebenſo in den althochdeutſchen Schriftwerken dem Lateiniſchen gegenüber zu bemerken iſt. Auch der Gegenſatz zwiſchen Dialect und Schriftſprache findet ſich überall, ſelbſt bei den Griechen, obgleich dieſe in ihren Dialecten ſchrieben. Hat Demoſthenes etwa ſeine Sprache unmittelbar aus den Geſprächen der atheniſchen Handwerker aufgegriffen? hat er nichts aus den hinterlaſſenen Schriften der Redner vor ihm gelernt? Von Thucydides wiſſen wir, daß er der Schüler des Redners Antiphon geweſen iſt. Der Periodenbau und überhaupt der proſaiſche Styl, jener große Fortſchritt in der Kunſt des Ausdrucks, den wir mit ſo unendlich vielem Anderen den Griechen verdanken, er iſt nicht mit einemmale vollendet worden; er iſt ein Product wiſſenſchaftlicher Schule, des Studiums ſchriftlicher Muſter; die attiſchen Schriftſteller lernten von den joniſchen Philoſophen, wie die attiſchen Dichter von Pindar und Homer.

Das Gewicht, welches für die hochdeutſche Sprache auf das Schreiben geſetzt wird, iſt übrigens ungerechtfertigt. Schon die älteſten Grammatiker ſtellen den Gebrauch des Hochdeutſchen im Schreiben und Sprechen gleich. Selbſt für die heutige Zeit wird der Gegenſatz zwiſchen der Schriftſprache und der geſprochenen Mundart für einige Punkte Mitteldeutſchlands ohne Zweifel übertrieben. Nicolaus von Jeroſchin, einer jener Schriftſteller, deſſen Sprache Pfeiffer zur Aufſtellung der Lehre von der mitteldeutſchen Mundart veranlaßten, ſagt uns in ſeiner Reim⸗ chronik des deutſchen Ordens, in der erſten Hälfte des 14. Jahrhunderts, daß er wenig Deutſch könne, außer dem was ihn ſeine Mutter, die ihn nährte, gelehrt, daher auch ſeine Lippen nicht ſo nach hovelichin sittin und an sprechin nicht so fin ſeien(I. 304 ff.). Man konnte alſo ſchon damals mehr deutſch wiſſen, als was man gleichſam mit der Muttermilch eingeſogen, mehr als die Mundart, nämlich die höhere, höfiſche Sprache; und die Sprache der mittelhochdeutſchen Dichter ſelbſt war ohne Zweifel eben ſo ſehr und eben ſo wenig bloße Schriftſprache als die neuhoch⸗ deutſche. Das Deutſche unterſcheidet ſich in ſeiner Entwickelung auch hier nicht von dem allge⸗ meinen Gange aller Culturſprachen der Welt. So wichtig die Schrift auch iſt, ſo iſt die Schöpfung ſprachlicher Kunſtwerke doch ohne ſie möglich und geht in einem gewiſſen Grade ihr ſogar überall voraus. Der Menſch hat überall auch Ideales auszuſprechen; er bedient ſich von den früheſten Anfängen an der Sprache nicht blos zu alltäglichem, niedrigem Gebrauche. Auch muß man ſich hüten, den Gegenſatz der Mundarten als den allein natürlichen zu betrachten. Tief in der weſent⸗ lichen Natur des Menſchen iſt auch der Gegenſatz der Begabungen begründet. Ein begabtes Thier es gibt deren ohne Zweifel findet ſelten Raum, Vortheil für ſich von ſeinen Vorzügen zu