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würde ganz und gar irrig ſein. Auf ſämmtliche Sprachen der Culturvölker der Gegenwart hat die Literatur einen mindeſtens ebenſogroßen Einfluß geübt, und ſie alle ſtehen in einem ähnlichen, meiſtens noch ſtärkeren Gegenſatze, ſowohl gegen die Mundarten, als gegen frühere Schriftſprachen, auf deren Trümmern ſie ruhen. Was würde man, von einem ſolchen Vorurtheile für die Mundarten aus von den romaniſchen Sprachen, oder der aus dem verſchiedenartigſten Gerölle zuſammenge⸗ ſetzten engliſchen ſagen, in welcher ſelbſt die angelſächſiſchen Beſtandtheile zu winzigen Skeletten ohne alles Leben zuſammengeſchrumpft ſind, und die gleichwohl nicht nur eine der brauchbarſten, ſondern auch eine der poetiſchſten und überdies die verbreitetſte und unter den höchſtgebildeten Menſchen verbreitete Sprache iſt? Klopſtock, der eigentliche Schöpfer unſerer Poeſie, der vaterländiſch be⸗ geiſterte Verehrer unſerer Sprache, deren edelſter Liebling er war, vergleicht die ſprachmengeriſche Ausdrucksweiſe der Engländer einem Gemälde mit Oelfarben, in dem aber zugleich hier eine Hand, dort ein Fuß, und da wohl gar ein Kopf, bald in Paſtell und bald mit Waſſerfarben, dies noch dazu mit keiner guten Auftragung, gemalt ſind. Er hat die ſeltſame Wortmiſchung durch eine Ueber⸗ ſetzung der Anrede Milton's an das Licht anſchaulich gemacht, in der es z. B. heißt:„Sei ge⸗ grüßet, heiliges Licht, erſtgeborener Sohn des Himmels, oder des Eternellen coeterneller Strahl! Aber darf ich dich unblamirt exprimiren? Denn Gott iſt Licht, und wohnte von Eternität her nie anderswo als in unapprochirtem Lichte, wohnte in dir, helle Effluenz der hellen uncreirten Eſſenz... Dich reviſitire ich ſalvirt, und fühle deine ſouveraine vitale Lampe: allein du reviſitireſt dieſe Augen nicht, die en vain ſich rollen deinen percirenden Rayon zu finden, aber ſelbſt nicht Dämmerung finden; ſo hat ein dicker ſerener Tropfen ihre Orbe ausgelöſcht, oder trübende Suffuſion ſie velirt. Dennoch ceſſire ich nicht zu wallen, wo mich die Muſen beſuchen, der klare Quell, oder ſchattige Wald, oder ſonnenhelle Hügel mich zur Liebe des ſacrirten Geſangs hinreißt ¹)“. Geiſtreich ſagt Leibnitz:„Rom iſt durch Aufnehmung der Fremden groß und mächtig worden; Holland iſt durch Zulauf der Leute, wie durch den Zufluß ſeiner Ströhme aufgeſchwollen; die Engliſche Sprache hat alles angenommen, und wann jedermann das Seinige abfordern wolte, würde es den Eng⸗ ländern gehen, wie der Eſopiſchen Krähe, da andere Vögel ihre Federn wieder geholet. Wir Teut⸗ ſchen haben es weniger von nöthen als andere, müſſen uns aber dieſes nützlichen Rechts nicht gänzlich begeben ²).“
Das Neuſchwediſche und Däniſche iſt ſogar von der neuhochdeutſchen Schriftſprache ſelbſt überfluthet und ganz aus ſeinen altnordiſchen Angeln geriſſen worden. Tauſende von Wörtern, deren Beſtandtheile nur hochdeutſch ſind und im Nordiſchen nicht heimiſch waren, ſind nur noth⸗ dürftig den ſcandinaviſchen Lautgewohnheiten angepaßt und ſo in den Sprachſchatz aufgenommen worden, und ſchon die Leichtigkeit mit der ein Deutſcher ein ſchwediſches Buch zu leſen lernt, ver⸗ glichen mit der Fremdartigkeit der alten Literatur, zeigt, daß Formenbildung und Syntax von gleichen Einflüſſen nicht unberührt geblieben ſind. Aehnliches gilt von dem Holländiſchen. Und iſt etwa das Verhältniß der modernen Sprachen Aſiens ein anderes? Das Perſiſche, die Sprachen Indiens, das Türkiſche, ſie ſind in noch höherem Grade Miſchſprachen, künſtliche Producte, wenn man ein ſolches Gebilde ſo nennen will, als ſelbſt das Engliſche. Denn in der Form zum Theil ebenſo ſehr verarmt, ſetzen ſie ſich nicht nur aus noch zahlreicheren Elementen zuſammen, ſondern die Sprachen,
¹) Vom edlen Ausdrucke. Fragment. Sprachw. Schriften, II. S. 285 ff. ¹) Unvorgreifliche Gedanken, 68.


