II.
Guellen der neuhochdeutſchen Sprache. Luther. Aelteſte deutſche Grammatiker. Schleicher über die deutſche Schriftſprache.
Wie bekannt, ſind dem Neuhochdeutſchen zwei andere große Literaturperioden vorausgegan⸗ gen: die althochdeutſche vom Anfang des 8. Jahrhunderts bis in das 12., und die mittelhoch⸗ deutſche von da bis in das 15. Jahrhundert. Es iſt namentlich des verewigten Franz Pfeiffer Verdienſt, nachgewieſen zu haben, daß unſere neuhochdeutſche Sprache nicht aus der Schriftſprache der mittelhochdeutſchen Dichter hervorgegangen, ſondern eine unter dem Einfluſſe der Mundarten Mitteldeutſchlands, Heſſens, Frankens, Thüringens, eigenthümlich gebildete Schriftſprache iſt. Schriftliche Quellen, die ſich dieſen Mundarten anſchließen, laſſen ſich neben den mittelhoch⸗ deutſchen, und faſt eben ſo weit zurück wie dieſe ſelbſt, verfolgen.
Das Neuhochdeutſche ſteht der Sprache dieſer halbmundartlichen Quellen weit näher, als dem Mittelhochdeutſchen, und iſt alſo keine Fortſetzung des letzteren, ſondern nur gleichſam eine jüngere Seitenlinie deſſelben. Das characteriſtiſche Kennzeichen der neuhochdeutſchen Sprache hat indeſſen Zarnckſſe in der Anwendung der Vocale ei, au, u, eu, gegenüber den mittelhochdeutſchen 1, ü, uo, iu, aufgefunden. Namentlich iſt es der neuhochdeutſchen Sprache eigen, ai und ei, oder auch den Diphthong ei ohne Unterſchied anzuwenden, wo die ältere Sprache i und ei unterſchied, z. B. mein(mittelhochdeutſch min) und Stein(mittelhochdeutſch stein); ebenſo vermiſcht das Neu⸗ hochdeutſche das ältere ü und ou, indem es für beide au ſetzt. Die Dialecte ſind der urſprüng⸗ lichen Unterſcheidung treuer geblieben, und man unterſcheidet z. B. in Frankfurt ſorgfältig mein und Stan, Haus und Baam(mittelhochdeutſch hͤs, boum).„Die erſten Anſätze zu der im Neuhochdeutſchen vollſtändig durchgedrungenen Abweichung vom althochdeutſch⸗mittelhochdeutſchen Vocalismus“, ſagt Z arncke(S. Brants Narrenſchiff, 1854, S. 273.),„finden wir ſehr früh. Schon die von Karajan herausgegebenen Sprachdenkmale des 12. Jahrhunderts bieten vielfach ou ſtatt ü; gewiß hat Jac. Grimm(Gr. I5, 203) Recht, wenn er dieſe Abweichung eine urſprünglich öſter⸗ reichiſch⸗ſteiriſche nennt. Mit dem Auftreten des correcten geläuterten Mittelhochdeutſch ver⸗ ſchwindet dieſe dialectiſche Färbung für längere Zeit, wenigſtens aus der höheren Schriftſprache, aus der Sprache und den Reimen der höfiſchen und der unter ihrem Einfluſſe ſtehenden Volks⸗ dichter. Im Munde des Volkes hörte ſie gewiß nie auf, auch nicht in Handſchriften nachläſſiger Schreiber, und ſo können wir bereits im Laufe des 13. Jahrhunderts ein nicht unbeträchtliches Umſichgreifen dieſer Vergröberung.... nachweiſen. Vorerſt beſchränkt ſich dieſe im Weſentlichen in der Vergröberung des in ü übereinſtimmende Veränderung wohl noch auf Oeſterreich, ſetzt ſich hier aber ſo feſt, daß z. B. öſterreichiſche Dichter aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, wie H. Teichner und P. Suchenwirt, ſie ungeſcheut in die Sprache der Poeſie einführen. Von da aus verbreitet ſie ſich weiter und nimmt im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts ganz Baiern und Franken, ſelbſt Lothringen ein. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, ſoviel ich ſicher weiß, iſt die urſprünglich althochdeutſch⸗mittelhochdeutſche Reihe, nur noch in den Grenzen Schwabens, etwas ſüdlich vom Neckar und weſtlich vom Lech zu Hauſe.“ Zu Ende des 15. Jahrhunderts be⸗ ſtand, nach Zarncke's höchſt ſorgfältigen Unterſuchungen, noch ein ſchweizeriſch⸗elſäſſiſch⸗


