Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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dern nur die Heranführung an das Verſtändniß oder auch an den Gebrauch der Schriftſprache kann Aufgabe der Schule ſein.... Wäre das Deutſche eine blos geſprochene Mundart, ſo hätte man Recht, allen ſchulmäßigen Betrieb aus den Schulen Deutſchlands zu verbannen ¹). Raumer gelangt zu dem Schluſſe:Die Betrachtung der deutſchen Sprache als eines wiſſenſchaftlichen Objectes gehört den oberſten Stufen der gelehrten Bildung an. Auf allen vorangehenden Stufen aber hat die deutſche Grammatik nur die practiſche Aufgabe, die naturwüchſige Mundart des Schülers mit der Schrift⸗ ſprache vermitteln zu helfen. Daraus aber folgt zweierlei: Erſtens, daß deutſche Grammatik auf allen dieſen Vorſtufen kein Unterrichtsgegenſtand ſein kann, den man um ſeiner ſelbſt willen im Zuſammenhang und ſelbſtſtändig behandelt, ſondern daß ſie vielmehr überall nur da einzugreifen hat, wo ſich die Sache nicht auf einfachere Weiſe von ſelbſt macht. Zweitens aber, daß die Schul⸗ grammatik, die man in dieſer Art aushilfsweiſe benutzt, zwar von der gelehrten Forſchung mit⸗ telbar Vortheil ziehen ſoll, überall aber den practiſchen Geſichtspunkt unverrückt im Auge behalten muß*).Daraus ergibt ſich auch für die Schule ein mittlerer Weg, der zwiſchen völligem Gehen⸗ laſſen und tödtender Lehrhaftigkeit die Mitte hält³). Einen ſyſtematiſchen Unterricht der deutſchen Grammatik will, wie man ſieht, auch Raumer nicht. Der grammatiſche Unterricht in der Schrift⸗ ſprache ſoll vielmehr nur gelegentlich, und zwar unter Anknüpfung an die Mundart, gegeben wer⸗ den.Der Knabe ſtößt zum erſtenmale auf grammatiſche Beſtimmungen, wenn er die Unterſchiede zwiſchen ſeiner geſprochenen Mundart, dies Wort im weiteſten Sinn gefaßt, und der regelrechten Schriftſprache lernt. Wird hier auch noch ſo viel der bloßen Uebung anheimgegeben, ſo lehrt doch die Erfahrung, daß an einzelnen Stellen die Grammatik eingreifen muß. Um dies aber möglich zu machen, muß der Knabe die einfachſten Grundbeſtimmungen der deutſchen Grammatik über⸗ haupt kennen lernen. Da nun alle Grammatik Theorie iſt, ſo lernt er bei dieſer Gelegenheit aller⸗ dings auch die erſten Elemente der grammatiſchen Theorie.

Dieſe Anſicht von der Vermittlung der Schriftſprache durch den Dialect der Schüler iſt mehrfach, und noch neuerdings in einer Abhandlung von Dr. Hildebrand in Leipzig,Vom deutſchen Sprachunterricht in der Schule aufgegriffen worden, der es ſogar als etwas ſehr Wün⸗ ſchenswerthes ſchildert, wenn der Lehrer gleichden Gegenſtand aufnehmen könnte, den die Schü⸗ ler eben(in der Zwiſchenſtunde) unter einander verhandelten, fortfahren wo ſie aufgehört, und dabei den Dialect leiſe leiſe ins Hochdeutſche hinüberführen.

Man ſieht, daß dieſe Seite der Frage weſentlich mit dem Verhältniſſe der neuhochdeutſchen Schriftſprache zu den Mundarten und mit der Entſtehung dieſer Schriftſprache überhaupt zuſam⸗ menhängt. Es möge mir daher geſtattet ſein, auf die Ergebniſſe der bisherigen Forſchungen über dieſe, auch an ſich für jeden Deutſchen hochwichtigen Gegenſtände etwas näher einzugehen, und von hier aus auf die Frage nach der Art des hochdeutſchen Unterrichtes, und ob derſelbe etwa an die Mundart anzuknüpfen ſei, wieder zurückzukommen.

¹) R. v. Raumer's geſammelte ſprachwiſſenſchaftliche Schriften(1863) S. 206 f.

²) Der Unterricht im Deutſchen, in K. v. Raumer's Geſchichte der Pädagogik III., 2. Abtheilung(1852) S. 107 f.

³) Geſammelte ſprachwiſſenſchaftliche Schriften S. 208.