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So trat denn an die Stelle der Verachtung, die man bis dahin gegen die alte Zeit gehegt, welche noch ſo gar nichts von der verfeinerten Cultur des 18. Jahrhunderts beſaß, die höchſte Ehrfurcht gegen die Natur und den unbewußt ſchöpferiſchen Zuſtand des menſch⸗ lichen Geiſtes.
Was man als unregelmäßig betrachtet und höchſtens entſchuldigt oder als einen nicht mehr zu beſeitigenden Auswuchs geduldet, ja was man als Sprache des Pöbels nicht geringſchätzig genug zu behandeln gewußt hatte, es zeigte ſich ſehr oft als das Urſprüngliche, Reinere, tiefer Be⸗ gründete. Was Wunder, daß nun alle Regeln der Sprachlehre als Mißgriffe, als unerträgliche Anmaßung erſcheinen mußten? Adelung hatte, indem er allerdings die Entſtehung der Sprache und ihrer Formen ebenfalls aus unklaren Vorſtellungen herleitete, doch zugleich eine ſo eitle Meinung von der Aufklärung des Verſtandes und des Geſchmackes, daß er es für eine Aufgabe der Gelehrſamkeit hielt, die Sprache zu„verfeinern“ und„auszubilden“, und überall eine ſolche willkürliche Einwirkung vorausſetzte. Nach ihm wandte Luther die Veränderungen, die„er zum Theil ſchon in der Mundart des Landes fand, worin er geboren war und lehrte“, in„Schriften auf die alte oberdeutſche Mundart an, welche für den jetzigen Zuſtand der Sitten und Wiſſen⸗ ſchaften zu rauh und unbiegſam war“....„Hätten wichtigere Beſchäftigungen ihm erlaubt, der Sprache, die für ihn nur Nebenwerk war, mehr Muße und Nachdenken zu widmen, ſo würde er es ſowohl in der Orthographie, als auch in der grammatiſchen Richtigkeit weiter gebracht haben.“ Natürlich liegt der Gedanke hier nahe, daß auch jetzt noch das Nachdenken über die Sprache die Aufgabe habe, die Sprache weiter auszubilden, und daß die„deutlichen Begriffe“, die der Grammatiker verbreitet, hierzu vor Allem wirkſam ſein werden. Dieſe Anſprüche weiſt Grimm mit dem größten Rechte zurück. Die Sprache iſt Naturproduct; es kann nicht die Auf⸗ gabe des gelehrten Nachdenkens, des Verſtandes ſein, an ihr zu beſſern. Aber er geht weiter; er will die Sprache überhaupt nicht lehren laſſen. Seine Vorgänger hatten den Sprachlehrer mit dem Sprachbildner verwechſelt. Grimm ſtellte Beiden den Sprachforſcheralsallein berechtigt gegenüber. Denn wenn die Sprache ein Naturproduct iſt, ſo kann ſie von den Menſchen nicht nur nicht gemacht, ſondern auch nicht gelehrt, vielmehr nur, wie die ſichtbare Natur, betrachtet, erforſcht werden. So wahr, ſo bedeutungsvoll und wirkungsreich das Naturgefühl war, das ſich in einer ſolchen Anſchauung von der Sprache ausdrückt, ſo dürfen wir uns doch nicht verhehlen, daß hier Irrthümer verborgen ſind, und daß, was insbeſondere das practiſche Ergebniß betrifft, die willkürliche Sprachverbeſſerung freilich verwerflich, Sprachlehre dagegen neben der Sprachforſchung ſehr wohl berechtigt, ja unenentbehrlich iſt.
Rud. v. Raumer ging in ſeinem Gegenſatze gegen Grimm in der Vertheidigung eines deutſchen Sprachunterrichts zunächſt von der practiſchen Beobachtung der Gegenwart aus. Er wandte ſich ſodann„an die Geſchichte und unterſuchte einen großen Theil der vom Jahr 1531 bis auf Adelung erſchienenen Grammatiken. Das Ergebniß war, daß dieſe Grammatiken und die ſchulmäßige Behandlung des Deutſchen überhaupt auf das engſte zuſammenhängen mit der Entſtehung und Feſtſetzung der Schriftſprache.... Da nun das Ergebniß dieſer geſchichtlichen Unterſuchungen genau zuſammenſtimmte mit dem wirklichen practiſchen Bedürfniß des Unterrichts im Deutſchen, ſo ſtellte ſich die Aufgabe der Schule für dieſen Lehrzweig dahin feſt: ihre Auf⸗ gabe iſt die Ueberlieferung der hochdeutſchen Schriftſprache und der in ihr niedergelegten Literatur. Denn nicht die Mundart, die das Kind ohne Unterricht in ſeiner Familie erwirbt, ſon⸗


