Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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was von den rohen Naturmenſchen nur nach dunkeln Vorſtellungen gebildet worden ſei, deutliche Be⸗ griffe zu verbreiten. Die Geſetze der Sprache waren ihm nicht Naturgeſetze, wie der Lauf der Geſtirne oder das Wachsthum unſeres Körpers; er ſuchte ſie vielmehr kennen zu lernen, um ſie zu befolgen, wie man die Regelneeiner Kunſt oder eines Handwerks lernen kann, und gab daher ſeiner deutſchen Gram⸗ matik den ſtolzen Titel:Umſtändliches Lehrgebäude der deutſchen Sprache. Dabei ſuchte er den Urzuſtand der Sprache in faſt unmittelbarer Nähe hinter ihrer gegenwärtigen Stufe und glaubte eine Menge von Spracherſcheinungen alleinzdurch Hinweis auf ihre urſprüngliche Rohheit erklären zu können. Gibt es, wie Gottſched vermuthet hatte, innerhalb der Unregelmäßigkeit der jetzt ſoge⸗ nannten ſtarken Conjugation vielleichtdennoch eine gewiſſe Ordnung, die ſich nach Regeln richtet? Adelung meint, Gottſched würde nicht auf ſo etwas gerathen haben,hätte er das Geringſte von dem Bau der Sprache verſtanden.Der zGrund derRegeln, wonach man gebe, gab, gegeben, aber trage, trug, getragen u. ſ. w. ſagt, liegt zin der Kindheit der Sprache, da ſie noch nach der dunkeln Empfindung des Hörbaren gebildet und ausgebildet wurde. Das iſt ihr einziger und wahrer Grund.Wären die Spracherfinder lauter Leibnitze und Newtons geweſen, welche die Sprache als ein Spiel der Erfindungskraft ihren Enkeln aufgeſtellt hätten, ſo könnte man wohl ſo tiefe und verborgene Gründe vermuthen, die alle Sprachlehrer bisher noch nicht ent⸗ decken können. Allein da ſie rohe, ſinnliche Menſchen waren, ſo müßten ihre Gründe längſt be⸗ kannt ſein, wenn ſie einer klaren Vorſtellung fähig wären, und ſich nicht eben ſo auf das Hör⸗ bare gründeten, als die Einrichtung des Geſchlechtes, des Plurales, der Declination u. ſ. f.(Lehrg. p. XLVI.) Von der Sprache der Deutſchen zur Zeit des Tacitus ſagt Adelung:Ein noch ſo ungebildetes Volk hat wenig und dazu größtentheils nur ſinnliche Begriffe, ſeine Sprache kann daher nicht anders als äußerſt arm ſein. Es hat grobe und ungeſchlachte Sprachwerkzeuge und kann daher die wenigen Begriffe, die es hat, nicht anders als durch rauhe und ungeſchlachte Töne ausdrücken. Er meint, daßdie damalige deutſche Sprache einſilbig, durch gehäufte Con⸗ ſonanten, Hauchlaute und tiefe Vocale hart und rauh, und wohl einige der nöthigſten, aber nicht alle Biegungen vorhanden geweſen wären, und ſelbſt von der bewundernswerthen gothiſchen Sprache zur Zeit der Bibelüberſetzung des Ulphilas in der Mitte des vierten Jahrhunderts behauptet er, ſie ſeidamals noch ſehr roh und ungeſchlacht geweſen.

Wie ganz anders fand ſich das alles, als Jacob Grimm mit dem Zauberſtabe des Genius die alte verſchollene Herrlichkeit der deutſchen Sprache und Vorzeit zum Leben zurückrief und ſtatt dürftiger Anfänge ungeahnten, ja überwältigenden Reichthum enthüllte!

Die alte Sprache und Dichtung, ſagt er,ſind reiner, unbewußter, dem himmliſchen Ur⸗ ſprung noch näher, darum großartiger, die neuen unter den Menſchenhänden arm und verwickelt geworden. Die Vorſtellung, welche man ſich von der Rohheit der Deutſchen und ihrer Sprache zu Tacitus Zeiten macht, iſt nichtig und ſogar abgeſchmackt.... Was die Biegungen angeht, ſo bin ich völlig gewiß, daß ſie zu jener Zeit vollkommener und vollſtändiger waren als je nach⸗ her. An Wohllaut, vollem, ſtarkem und weichem, kann es gar nicht gefehlt haben, und ſchon die Vortrefflichkeit der Flexion mußte ihn mit ſich führen.... Es wäre auch unmöglich, daß ſich in der ſpäteren Zeit, im Gothiſchen des vierten und im Hochdeutſchen des ſiebenten bis neunten Jahrhunderts plötzlich eine Fülle von Wohllaut, Biegungsfähigkeit und Vorhandenſein aller Sprachverhältniſſe aufgethan hätte, wie ſie erweislich iſt; umgekehrt fordert der Gang der Ge⸗ ſchichte, daß ſie damals ſchon beträchtlich geſunken erſcheine.(D. Gr. I1 S. XXVUIII f.)