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Wendungen, Härten oder Weichen beſtimmt........ Jeder Deutſche, der ſein Deutſch ſchlecht und recht weiß, d. h. ungelehrt, darf ſich, nach dem treffenden Ausdruck eines Franzoſen, eine ſelbſteigene lebendige Grammatik nennen und kühnlich alle Sprachmeiſterregeln fahren laſſen. Gibt es folglich keine Grammatik der einheimiſchen Sprache für Schulen und Hausbedarf, keinen ſeichten Auszug der einfachſten und ebendarum wunderbarſten Elemente, deren jedes ein unüber⸗ ſehliches Alter bis auf ſeine heutige Geſtalt zurückgelegt hat, ſo kann das grammatiſche Studium kein anderes als ein ſtreng wiſſenſchaftliches und zwar, der verſchiedenen Richtung nach, entweder ein philoſophiſches, kritiſches oder hiſtoriſches ſein.“
Es gibt Dinge, welche, mit ſo ſcheinbar überzeugenden Gründen ſie auch vertheidigt werden, doch ſofort in dem natürlichen Gefühle einen Widerſtand finden, der ſich vielleicht nicht ebenſo ſchlagfertiger Gründe bewußt iſt, aber meiſtens in der Folge als vollkommen rechtmäßig erkannt wird. So geht es uns auch mit dem angeführten Ausſpruche Grimm's. Soll es wirklich keine Grammatik der einheimiſchen Sprache für Schule und Hausbedarf mehr geben, vielmehr jeder Deutſche ſich eine ſelbſtſtändige, lebendige Grammatik nennen dürfen, und ſollen alſo gram⸗ matiſche Fehler überhaupt nicht mehr zu befürchten ſein?
Das Leben widerſpricht ſolchen Ergebniſſen zu laut, als daß die Schule ſich nicht ſeinen praktiſchen Forderungen hätte fügen und noch immer wenigſtens Einiges von dem hätte lehren müſſen, was, nach den Anſchauungen Grimm's, nicht nur überflüſſig, ſondern ſelbſt ſchädlich und gefährlich wäre.
Auch hat die Berechtigung einer anderen von Grimm unterſchätzten Seite der Sprach⸗ lehre beſonders in einigen vortrefflichen Abhandlungen Rudolf von Raumer's ihre Vertre⸗ tung gefunden, die ich bei dem folgenden Verſuche, meine Anſicht über dieſe Gegenſtände zu begründen, namentlich was die Geſchichte der deutſchen Grammatik betrifft, vor Allem mit Dank erwähnen muß. Doch pflichtet ſelbſt Raumer der, meiner Ueberzeugung nach, irrigen Anſicht bei, daß„deutſche Grammatik kein ſelbſtſtändiger, im Zuſammenhange und ſyſtematiſch gelehrter Unterrichtsgegenſtand der Schule bleiben ſoll.“
Wie berechtigt und heilſam der Standpunkt Grimm's ſeinen Vorgängern gegenüber geweſen iſt, wird man leicht zugeben, wenn man die Grundanſichten bedenkt, von welchen vor ihm ein Mann wie Ad elung geleitet ward, ein Mann, deſſen höchſt verdienſtvolle Behandlung des deutſchen Sprachſchatzes in ſeinem Wörterbuch doch ſelbſt für unſere Zeit noch keineswegs werthlos iſt, und der zugleich eine Ueberſicht über die geſammte Sprachwelt der Menſchheit er⸗ ſtrebte und in einem für die damaligen Hilfsmittel bewundernswerthen Umfange erreichte. In ſeinem„Mithridat oder allgemeine Sprachenkunde“, einem Buche, das, nach Adelung's Tode von Johann Severin Vater fortgeſetzt, freilich in vielen Einzelheiten jetzt veraltet, in manchen aber eine noch jetzt unerſetzte Quelle und in ſeiner Geſammtanlage überhaupt noch einzig in ſeiner Art iſt, ſpricht er ſich auch weitläufig über den Urſprung der Sprache aus. Die Sprache in ihrem modernen Zuſtande iſt ihm ein Product allmählicher Verfeinerung; ihre Anfänge ver⸗ gleicht er mit„dem armſeligen Floße oder hohlen Baumſtamme, in welchem ſich der erſte Wilde zitternd dem naſſen Elemente anvertraute“, ihre ausgebildete Geſtalt um ſeine Zeit(die Mitte des vorigen Jahrhunderts) dagegen mit einem„Schiff von hundert Kanonen, welches auf dem unermeßlichen Meere des menſchlichen Wiſſens und Nichtwiſſens mit allen Winden ſelbſt der Speculation und Abſtraction ſegelt.“ Er hielt es für die Aufgabe des Grammatikers, über das,


