Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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Ueber deutſche Grammatik als Lehrgegenſtand an deutſchen Schulen.

Von L. Geiger.

I.

Sprachlehre und Sprachforſchung.

Grimm. Adelung. R. von Raumer.

Es iſt eine alte Eigenthümlichkeit des deutſchen Volkes, die Ergebniſſe wiſſenſchaftlichen Strebens und gelehrter Forſchung faſt unmittelbar für die Jugenderziehung zu verwenden; und ſo dürfen wir es denn auch wohl kaum für einen Zufall halten, wenn Jacob Grimm in den erſten Worten, mit denen er ſeine bewundernswerthe Neugeſtaltung der deutſchen Grammatik und Sprachforſchung verkündet, vor Allem des Sprachunterrichtes in der Schule und ſeines eigenen Verhältniſſes zu demſelben gedenkt. Die berühmten Sätze in dem Eingange der Vorrede zu der deutſchen Grammatik ſind begreiflicherweiſe nicht ohne bedeutende Wirkung geblieben. Was ſie jedoch von der Schule fordern, hat ſie nicht zu leiſten vermocht, und wird es wohl ſchwerlich jemals vermögen: es iſt die gänzliche Enthaltung von allem Unterrichte in der Mutterſprache.

Seit man die deutſche Sprache grammatiſch zu behandeln angefangen hat, ſo lautet der Anfang jener Vorrede,ſind zwar ſchon bis auf Adelung eine gute Zahl Bücher, und von Adelung bis auf heute eine noch faſt größere darüber erſchienen. Da ich nicht in dieſe Reihe, ſondern ganz aus ihr heraustreten will, ſo muß ich gleich vorweg erklären, warum ich die Art und den Begriff deutſcher Sprachlehren, zumal der in dem letzten halben Jahrhundert bekannt gemachten und gutgeheißenen, für verwerflich, ja für thöricht halte. Man pflegt allmählich in allen Schulen aus dieſen Werken Unterricht zu ertheilen, und ſie ſelbſt Erwachſenen zur Bildung und Entwickelung ihrer Sprachfertigkeit anzurathen. Eine unſägliche Pedanterie, die es Mühe koſten würde, einem wieder auferſtandenen Griechen oder Römer nur begreiflich zu machen; die meiſten mitlebenden Völker haben hierin ſoviel geſunden Blick vor uns voraus, daß es ihnen ſchwerlich in ſolchem Ernſt beigefallen iſt, ihre eigene Landesſprache unter die Gegenſtände des Schulun⸗ terrichts zu zählen. Den geheimen Schaden, den dieſer Unterricht, wie alles Ueberflüſſige, nach ſich zieht, wird eine genaue Prüfung bald gewahr. Ich behaupte nichts anderes, als daß dadurch gerade die freie Entfaltung des Sprachvermögens in den Kindern geſtört und eine herrliche An⸗ ſtalt der Natur, welche uns die Rede mit der Muttermilch eingibt, und ſie in dem Befang des elterlichen Hauſes zu Macht kommen laſſen will, verkannt werde. Die Sprache gleich allem Na⸗ türlichen und Sittlichen iſt ein unvermerktes unbewußtes Geheimniß, welches ſich der Jugend

einpflanzt und unſere Sprachwerkzeuge für die eigenthümlichen vaterländiſchen Töne, Biegungen, 1*